Während sich die Situation in der Elfenbeinküste weiter verschlechtert, hat Handicap International am 23. März ein erstes Team aus Nothilfespezialisten an die Grenze zu Liberia geschickt. Hélène Robin, Leiterin des Nothilfeprogramms von Handicap International, erklärt das aktuelle Vorgehen:

Viele Menschen fliehen mit allem was sie tragen können ©REUTERS/STR New, courtesy Trust.org - AlertNet
Warum hat sich Handicap International für ein Eingreifen in der Elfenbeinküste entschieden?
Als auf Nothilfe spezialisierte Hilfsorganisation baut Handicap International eine Präsenz in diesem Gebiet auf und evaluiert – so weit möglich – sowohl die Situation als auch die Bedürfnisse der Opfer. Unser Ziel ist eine rasche und angemessene Reaktion. Aus diesem Grund führten wir in der letzten Märzwoche eine Evaluierung in Liberia durch. Mehr als 77.000 Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste sind seit dem 28. November, dem Tag, der Bekanntgabe des Ergebnisses der Präsidentenwahl, in das benachbarte Liberia geflohen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass sehr bald ca. 200.000 weitere Flüchtlinge folgen werden.
Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge ist in Gemeinden aus der Region untergebracht, andere wiederum haben Zuflucht in einem Camp des Hohen Flüchtlingsreferats der Vereinten Nationen gefunden. Wir befürchten, dass die Kommunen aufgrund fehlender Mittel nicht in der Lage sein werden, mit all diese Flüchtlingen zurecht zu kommen. Das wird natürlich deren Situation weiter verschlimmern und zu weiteren Spannungen führen.
Innerhalb der Elfenbeinküste steigt die Zahl der Opfer weiter und die Vereinten Nationen schätzen, dass bereist 500 Menschen gestorben sind. Offensichtlich eskaliert die derzeitige Krise zwischen den zwei politischen Fraktionen zu einem blutigen Bürgerkrieg, dessen erste Opfer aufgrund unterschiedlicher ethnischer oder religiöser Herkunft aus der Allgemeinbevölkerung kommen werden.
In Abidjan hat die Gewalt in den letzten Tagen zugenommen. Es wird erwartet, dass sowohl die Anzahl der verletzten Menschen als auch die Wahrscheinlichkeit eines lokalen Exodus steigen wird. UNHCR schätzt, dass bereits eine Million Menschen die Stadt verlassen haben. Nur ein Krankenhaus ist in der Hauptstadt noch geöffnet. Es befindet sich in Abobo, also in der Gegend der Kämpfe zwischen den Anhängern Alassane Ouattaras und Laurent Gbagbos. Die Arbeitsbedingungen für das gebliebene medizinische Personal sind besonders schwierig, weil aufgrund des Wirtschaftsembargos Lieferungen mit Medikamenten und Konsumgütern nicht ankommen. Einige medizinische NGOs können medizinische Nothilfe leisten, aber post-operative Behandlung wird, vor allem nach dem die Patienten das Krankenhaus verlassen haben, selten bis nie geleistet

Ein Mann hilft einem Jungen dabei in einen aus Abidjan fliehenden Bus zu gelangen. ©REUTERS/STR New, courtesy Trust.org - AlertNet
Diese Folgebehandlungen sind jedoch essentiell. Die Menschen werden oft sehr schnell aus dem Krankenhaus entlassen, um Platz für die vielen neuen Opfer zu schaffen, die jeden Tag in das Krankenhaus drängen. Daher gibt es meist keinerlei Folgebehandlung – trotz einer erhöhten Infektionsgefahr aufgrund der miserablen sanitären Bedingungen. Je nach Stärke der Verletzung besteht sogar Lebensgefahr, sollten sich Wundbrand oder generell eine Infektion ausbreiten. Das Fehlen von Rehabilitationsmaßnahmen kann außerdem zu ernsthaften und dauerhaften Behinderungen führen. Handicap International hat eine besondere Expertise auf dem Gebiet der post-operativen Folgebehandlung, für verletzte Menschen in Konfliktsituationen.
Wie wird der Einsatz von Handicap International vor diesen Hintergrund aussehen?
In Liberia werden wir voraussichtlich lokale Hilfsaktionen für die besonders schutzbedürftigen (Menschen mit Behinderung, schwangere Frauen, ältere Menschen etc.) unter den geflohenen und bei Gastfamilien untergebrachten Menschen durchführen. Unsere Aufgabe wird darin bestehen, diese Menschen zu finden und ihre Bedürfnisse zu identifizieren, um ihnen dann spezifisch und bedarfsgerecht zu helfen. Das ganze geschieht im Zusammenschluss mit anderen humanitären Akteuren vor Ort. Wir gehen davon aus, dass derartig instabile Situationen Flexibilität und Bewegung erfordern, weshalb wir unsere Aktivitäten ständig anpassen werden.
Aufgrund der schlechten Sicherheitslage in Abidjan planen wir keinerlei Verteilungsaktivitäten. Im Moment gehen wir davon aus, dass sich unser Einsatz auf die post-operative, Trauma-fokussierte und orthopädische Behandlung der verletzen Menschen in den Krankenhäuser konzentrieren, und wir dabei vor allem medizinische NGOs unterstützen werden. Das schließt frühe Rehabilitation, Atmungsphysiotherapie und die Versorgung mit Orthesen, technischen Hilfsmitteln und speziellen Matratzen gegen Wundliegen etc. ein.

Kinder der Elfenbeinküste in einem Lager in Bahn im Nordosten Liberias. ©REUTERS/Simon Akam, courtesy Trust.org - AlertNet
Welche Faktoren könnten Ihre Arbeit erschweren.
Grundsätzlich müssen, wie in jeder Krisensituation, verschiedenste Parameter bedacht werden: die Relevanz unserer Reaktionen in Bezug auf die vorher identifizierten Bedürfnisse, die uns operational zur Verfügung stehenden Mittel, die Sicherheitssituation sowie unsere finanziellen Mittel. Sobald wir vor Ort sind, ist es möglich, dass Hindernisse, wie eine schlechte Sicherheitslage oder Zugangsschwierigkeiten, es uns unmöglich machen, einzugreifen. Es ist auch möglich, dass wir nach unserer Ankunft in einem Gebiet feststellen, dass die zunächst notwendigen Maßnahmen bereits zufrieden stellend von anderen lokalen oder internationalen Akteuren durchgeführt werden, wie das zuletzt in Libyen der Fall war. Aufgrund von derartigen rationellen Überlegungen entscheiden wir, ob wir unseren Einsatz weiterführen oder gar ausweiten und was er genau beinhalten wird.
In der Elfenbeinküste bringt vor allem das Klima der Unsicherheit große Schwierigkeiten für die Hilfskräfte mit sich. In einigen Distrikten von Abidjan, wie beispielsweise Abobo, Williamsville und Yopougon, ist die Situation extrem chaotisch und untergräbt damit unsere Möglichkeiten, im Voraus zu planen und Risiken zu kontrollieren. In einer solchen sensitiven Situation muss jede professionelle humanitäre Organisation sorgfältig zwischen dem Risiko, dem ihre Mitarbeiter ausgesetzt sind, und der tatsächlichen Reichweite ihrer Maßnahmen abwägen. Sobald wir dieses Gleichgewicht hergestellt haben und qualifizierte Mitarbeiter gefunden haben, die in die Elfenbeinküste einreisen möchten und gleichzeitig Erfahrung mit Konfliktsituationen haben, können wir unsere Arbeit starten.
Wieso hat die Krise in der Elfenbeinküste so wenig Aufmerksamkeit erregt?
Die Präsidentschaftswahlen im November haben eine bereits seit 10 Jahren bestehende Krise verschlimmert, befeuert von internen Unruhen und politische Spannungen. Die öffentliche Aufmerksamkeit für dieser Situation ist ermüdet, genauso wie sie generell in Bezug auf die chronische Instabilität Afrikas ermüdet ist.
Der derzeitige internationale Kontext erschwert es zusätzlich, Aufmerksamkeit auf die Situation in der Elfenbeinküste zu lenken. Die Aufstände in der arabischen Welt und die kurz darauf folgende Katastrophe in Japan haben die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft und der Medien monopolisiert.
Internationale Hilfsakteure, die ohnehin kaum in der Elfenbeinküste präsent waren, konnten die Situation nicht stabilisieren. Da sie nicht in der Lage sind, die sich mit jedem Tag verschlimmernde Krise komplett zu durchleuchten, können sie die Realitäten vor Ort schwer bezeugen und somit auch nicht die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Zivilbevölkerung lenken. Dabei läuft gerade die Zivilbevölkerung Gefahr, das erste Ziel des Konflikts sowie Opfer der allerschwersten Gewaltakte zu werden.
Trotz allem darf die Krise der Elfenbeinküste nicht vom Radar verschwinden: Als humanitäre Organisation haben wir die Pflicht, sofort in der Elfenbeinküste und in Liberia einzugreifen, um den verletzten und geflohenen Menschen sowie den liberiaschen Gemeinden, die sie aufnehmen, zu helfen.
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