Neue Politik im Bereich Behinderung in Marokko

Der Leiter der Schule Yad Fi Yad vermittelt einem gehörlosen Mädchen die Aussprache eines Konsonanten, indem er sie die Luft bei der Aussprache an ihrer Hand fühlen lässt.

Der Leiter der Schule Yad Fi Yad vermittelt einem gehörlosen Mädchen die Aussprache eines gesprochenen Wortes. © Sebastian Mantei

Einer von vier Haushalten ist von Behinderung betroffen

Eine nationale Umfrage über Behinderung[1], die im Jahr 2004 durchgeführt wurde, ermöglichte eine Positionsbestimmung der Menschen mit Behinderung in Marokko: Ca. 1,53 Millionen Menschen mit Behinderung leben in Marokko (von 34,3 Mio. Einwohnern). Einer von vier Haushalten ist von Behinderung betroffen. Weniger als ein Drittel der Kinder mit Behinderung gehen zur Schule und nur 12 % haben Zugang zu sozialer Sicherung. Die Umfrage brachte auch zum Vorschein, dass 74 % der Menschen mit Behinderung keinen Beruf ausüben. Durch die Ergebnisse der Umfrage konnten die Zugangsschwierigkeiten der Menschen mit Behinderung zu Pflege, Bildung, Arbeit, Kultur, Freizeitaktivitäten etc. greifbar gemacht werden. Sie trägt aber auch dazu bei, die Einsamkeit und das Leiden zu erkennen, denen die Menschen ausgesetzt sind.  

Doch selbst wenn diese Situation bei weitem nicht zufrieden stellend ist, ist sie immer noch besser als die Situation von Menschen mit Behinderung in zahlreichen anderen Entwicklungsländern.

Vom privaten und religiösen Umfeld hin zum staatlichen Bereich  

Bis 1999 Mohamed VI an die Macht kam, war Behinderung in Marokko kein Thema, das vom Staat behandelt wurde, sondern ausschließlich im privaten und religiösen Umfeld. Die Menschen mit Behinderung waren oft abhängig von der Wohltätigkeit ihrer Gemeinschaft oder der Versorgung durch ihre Familie. „Die Familien waren mit dem Problem der Behinderung allein“, erklärt Samir Touzni, Projektleiter von Handicap International Marokko. „Strategien zur Inklusion gab es nicht. Es wurden zwar Gesetze in den Jahren 1990, 1993 und 2003 erlassen, diese waren aber nicht zufrieden stellend, weil sie nicht verpflichtend waren.“    

„Ein neuer Wind der Veränderung“  

Seit fünf Jahren wurden von der marokkanischen Regierung neue Initiativen für Menschen mit Behinderung unternommen. Das Land hat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung am 30. März 2007 unterzeichnet und am 8. April 2009 ratifiziert. „Die Politik im Bereich Behinderung in Marokko bewegt sich langsam weg von der islamischen Wohltätigkeit und hin zu wirklichen Rechten für die Menschen mit Behinderung. Ein neuer Wind der Veränderung weht über das Land“, stellt Mohamed El Kadiri, Präsident der Organisation „Amicale marocaine des handicapés“, fest.  

Am 4. Oktober 2009 kündigte Nouzha Skalli, Minister der sozialen Entwicklung, Familie und Solidarität in Marokko, dass ein neues Projekt zur Schaffung von Gesetzen zur Stärkung der Rechte von Menschen mit Behinderung ausgearbeitet worden wäre. Dieses zukünftige Gesetz wurde dem Generalsekretariat der Regierung vorgestellt und wartet seither auf die Anerkennung durch die verschiedenen Regierungssektoren. Neben diesem Gesetzesprojekt hat das Ministerium eine nationale Präventionsstrategie zur Vermeidung von Behinderungen ausgearbeitet, die sich aktuell in der Diskussions- und Validierungsphase befindet.  Nachdem sie im Rahmen einer partizipativen Annäherung zwischen Partnern, Ministerien und zivilen Organisationen entstanden ist, wird ihr bald die Umsetzung eines Aktionsplans zur Prävention folgen.        

Politisches Engagement: unabdingbar, aber nicht genug  

Trotz der Einrichtung des Jahrzehnts der Menschen mit Behinderung der Afrikanischen Union (1999-2009) und des Engagements der marokkanischen Regierung ist es immer noch schwierig für Menschen mit Behinderung,  Arbeitsstellen zu finden, bei denen sie zumindest ein geringes, aber regelmäßiges Einkommen erhalten. Weiterhin fehlen Gelder für ihre Bildung, berufliche Ausbildung, Arbeitsstellen und Zugänglichkeit der öffentlichen Gebäude. Es fehlen die Mittel, um die alltägliche Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung anzupassen. Organisationen spielen daher eine entscheidende Rolle.  

Jeden Tag kämpfen hunderte Organisationen in Marokko für die Umsetzung und Wirksamkeit der UN Konvention. „Die Organisationen wollen nicht an die Stelle der Regierung treten, aber sie machen sich dafür stark, dass das Thema Behinderung dort jeden Tag ein Stück voranschreitet. Die Respektierung der Konvention ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr der Willkür ausgesetzt sind. Ihr Leben darf nicht vom guten Willen anderer abhängig sein“, erklärt Mohammed El Khadiri.  

Marokko in Zahlen

  • Einwohner*: 34,3 Millionen (2008)
  • Fläche*: 446 550 km²
  • Haupstadt : Rabat
  • Staatspräsident: Mohammed VI
  • Premierminister : Abbas El Fassi
  • Landessprachen* : Arabisch (offizielle Sprache), Berberisch unf Französisch
  • Bruttosozialprodukt/ Einwohner : 1.694 $ (2007)
  • Entwicklungsindex*** : 0,654 (Platz 130 von 182 Ländern)
  • Sterberate bei Kindern unter fünf Jahren** : 36 pro 1.000 Geburten
  • Lebenserwartung**: 71 Jahre  

Quellen: * UNO ** WHO, Bericht über die weltweite Gesundheit 2007 *** UNDP- Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen 2009 [1] Umfrage des Staatssekretariats für Familie, Kinder und Menschen mit Behinderung mit technischer Unterstützung des französischen Konsortiums CREDES/ Handicap International und finanziert durch die Europäische Union im Rahmen des Programms MEDA (europäische Fonds für Partnerländer des mediterranen Südens). Die Ergebnisse dieser Umfrage sind auf der Seite www.sefsas.gov.ma nachzulesen. Diese Studie beinhaltete ebenfalls eine Umfrage zu Akteuren und hat einen nationalen Aktionsplan für die Integration von Menschen mit Behinderung ermöglicht (2006).

Stand: 12/2009

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