
Ein Team von Handicap International birgt eine Luftabwehrrakete in Libyen © J.-J. Bernard / Handicap International
Die ersten freien Wahlen in Libyen seit über 40 Jahren haben stattgefunden. Ein wichtiger Schritt. Doch die Stabilität und die Entwicklung des Landes hängen nun entscheidend davon ab, dass die Gefahr durch Minen und andere explosive Kriegsreste (explosive remnants of war - ERW) gebannt wird und weitere bewaffnete Konflikte vermieden werden.
Handicap International hat seinen Teil dazu beigetragen: In den letzten 18 Monaten haben unsere Teams Land entmint, Zehntausende Zivilisten über die Gefahren durch Minen und ERW aufgeklärt und außerdem die Risiken im Zusammenhang mit den sich im Umlauf befindenden sogenannten leichten Waffen limitiert.
Zivilisten vor nicht-explodierten Kriegsresten beschützen: Eine der Hauptaufgaben von Handicap International
Handicap International ist bereits seit März 2011 vor Ort aktiv und hat seither an der Minimierung der Risiken für Unfälle mit ERW gearbeitet, indem Sensibilisierungseinheiten für die in den Gefahrenzonen lebenden Menschen organisiert wurden. Die Menschen begeben sich oft in große Gefahr, da sie sich der Risiken im Umgang mit diesen Waffen nicht bewusst sind. Manche Menschen heben nicht-explodierte Gegenstände auf und bewahren sie als Souvenirs aus dem Schlachtfeld auf, andere stellen sie auf der Straße oder in Schulen aus – und manchmal spielen Kinder sogar mit ihnen. Zivilisten entminen ihr eigenes Land mit Rechen oder sogar von Hand. Von daher ist es von immenser Bedeutung, sie über die Risiken aufzuklären.
Handicap International schult lokale Verbindungsbeamte, damit diese direkt mit Schulen, Geschäften, Moscheen, den Autoritäten und den lokalen Behörden zusammen arbeiten und den Menschen beibringen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie auf eine Mine oder ein ERW stoßen. Zu diesen Verhaltensmaßnahmen gehören ganz einfache Regeln: niemals ein unbekanntes Objekt berühren, auf Entfernung zur Gefahrenzone bleiben, den Ort des Fundes markieren und die Behörden und Handicap International informieren. Fast 70.000 Menschen haben diese Risikoerziehungseinheiten bereits besucht – die meisten von ihnen Kinder, wie so oft während oder nach Kriegen die Hauptleidtragenden sind.
Sensiblisierung für das Risiko ist die eine Seite – die andere ist die Beseitigung der Gefahr. Deshalb haben die Teams von Handicap International Minenräumungsaktionen in Tripolis und in jüngerer Zeit auch in Sirte und Misrata durchgeführt. Unseren Mitarbeiter berichten, dass Hunderttausende vertriebene Menschen bei der Rückkehr in ihre Häuser Minen und ERW gefunden haben – in ihren Gärten, Wohnzimmern, Kinderzimmern oder in der Arbeit.
Unsere Teams arbeiten vor allem in den am schlimmsten von den Kämpfen betroffenen Vierteln, um dort Minen und andere explosive Kriegsreste zu identifizieren, zu entfernen und zu zerstören. Dabei wurden seit Anfang April 5000 Minen und explosiven Kriegsreste zerstört werden. Zwei Schulen, ein öffentlicher Park und 27 Farmen konnten ebenfalls entmint und an die Öffentlichkeit übergeben werden.
Millionen von leichten Waffen überschwemmen Libyen – Handicap International klärt über die Gefahren auf
Die Öffnung der Waffenlager durch Gaddafi-treue Truppen und die Lieferung von Waffen durch verschiedene Staaten seit Beginn des Konflikts haben dazu geführt, dass Libyen heute mit Millionen von leichten Waffen überschwemmt ist. Unbedarfte Menschen konnten sich einfach in den Waffenlagern bedienen, was dazu führt, dass es vielerorts völlig normal ist, eine oder mehrere Waffen zuhause zu haben. Dieser Überfluss an Waffen in den Händen der Zivilbevölkerung, die den Umgang mit diesen Waffen nicht gewohnt ist, hat zu einer Vielzahl an Unfällen geführt. Ganz typisch ist folgendes Phänomen: Irgendwo wird gefeiert oder demonstriert und schon werden Gewehrsalven in die Luft abgegeben – und auf einmal gibt es lauter Verletzte. Drei bis fünf Unfallopfer kommen jeden Tag aufs Neue im Krankenhaus in Tripolis an.
Für Handicap International ist es eine der obersten Prioritäten, diese Gefahr für das Leben der Zivilbevölkerung anzugehen. Eines der Teams schult derzeit in Tripolis lokale Organisationen, Krankenhausmitarbeiter und Lehrer in Sensibilisierungstechniken und einfachen, lebensrettenden Verhaltensregeln. Dazu gehört zum Beispiel, Kinder nicht mit leichten Waffen spielen zu lassen, nicht während Feierlichkeiten oder Demonstrationen in die Luft zu schießen und eine Sicherheitsvorrichtung zu verwenden, wenn die Waffen nicht verwendet werden. Zusätzlich wurden Poster in ganz Tripolis aufgehängt – besonders in den ärmeren Vierteln, wo diese Waffen am häufigsten Verwendet werden.

Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt bezuschusst.
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