Die Integrative Schule in Salé ist das letzte Projekt, das wir uns ansehen.
Nach der Begrüßung setzen wir uns etwas abseits von dem gerade stattfindenden Schulfest in die Räume einer der Vorschulklassen. Die Wände sind liebevoll gestaltet, bunt bemalt mit Mickey, Bambi und Häusern der Schlümpfe. Man fühlt sich ein bisschen in die eigene Kindergartenzeit zurückversetzt. Dann beginnt die Direktorin von den verschiedenen Klassen zu erzählen und berichtet auch von der Vereinigung El Youssr.

In einem bunt bemalten Klassenraum sprechen wir mit der Direktorin. © Handicap International
Die „Vereinigung El Youssr für Kinder mit speziellen Betreuungsanforderungen“ wurde 2005 von betroffenen Eltern gegründet.
Sie konnte bisher drei inklusive Schulklassen und eine Vorschulklasse in zwei öffentlichen Schulen von Salé eröffnen – dank der Unterstützung von Handicap International mit Mitteln der EU und der Stiftung Lord Michelham of Hellingly. Insgesamt werden etwa 40 Kinder in diesen Klassen betreut.
Der Klassenraum, in dem wir sitzen, gehört einer inklusiven Vorschulklasse, die dieses Jahr von El Youssr in der öffentlichen Schule von Ibn Battouta in der Altstadt Salé eröffnet wurde. Insgesamt gehen 15 Kinder in diese Klasse: drei Kinder mit einer geistigen Beeinträchtigung und sechs Kinder mit Trisomie 21 werden neben anderen Kindern in dieser Klasse betreut. Die Direktorin berichtet uns, dass das Projekt gut läuft und es schon bald weitere integrative Klassen geben wird.
Anschließend bekommen wir, wie bei jedem Projektbesuch, auf marokkanisch-gastfreundliche Art Pfefferminztee und Süßes. Unsere Zuckerspiegel sind so hoch wie nie, doch die Gastgeber sind so herzlich und haben sich wieder einmal viel Mühe gegeben – wir können nicht widerstehen.

Die Gäste bekommen Pfefferminztee und Kuchen. © Handicap International

Wir tanzen auf dem Abschlussfest. © Handicap International
Bei meiner Ankunft bei der El Yousser Schule ist das Jahresabschlussfest schon in vollem Gange. Man hört es bereits beim Betreten des Geländes: Es herrscht eine ausgelassene Atmosphäre!
Die extra aufgestellten Sitzreihen sind prall gefüllt, die Zuschauer klatschen und jubeln den Schulkindern zu, die auf der Bühne tanzen und singen. Die Stimmung ist gelöst, freundlich, fröhlich - das liegt an der Energie und der Freude der Kinder als sie ihre einstudierten Auftritte von Rap und Breakdance bis hin zum Ententanz präsentieren.
Mitschüler, Lehrer, Eltern: alle sind begeistert. Die Kinder auf der Bühne haben Spaß und lachen viel miteinander. Mir fällt kaum auf, dass einige der Kinder auf der Bühne Trisomie 21 (Down-Syndrom) haben. Die Kinder sind so aufeinander eingespielt, dass sie – egal ob beeinträchtigt oder nicht – mit Leichtigkeit eine große Gemeinschaft auf der Bühne bilden. Das nenne ich gelungene Integration!

© Handicap International
Immer wieder liest man in deutschen Zeitungsartikeln über die Ängste und Zweifel von Eltern mit Kindern ohne Beeinträchtigungen, wenn die Schulen ihrer Kinder plötzlich integrativ gestaltet werden sollen.
Und nun befinde ich mich in Marokko, in einem Land, in dem Familien ihre Kinder und Angehörigen mit Behinderungen lange vor der Gesellschaft versteckten - Angst hatten, mit ihnen das Haus zu verlassen. Doch die Menschen in Marokko beginnen langsam zu begreifen, dass sie für die Rechte ihrer Lieben kämpfen müssen und dass es keine Schande ist, eine Behinderung zu haben.

© Handicap International
Und während in Deutschland noch immer Zweifler zu hören sind, stehe ich hier, in dieser integrativen marokkanischen Schule. Es steckt viel Arbeit und Mühe in diesem Projekt, in dem autistische Kinder, Kinder mit Trisomie 21 und nicht mental beeinträchtigte Kinder in Klassen vereint sind. Aber es lohnt sich – beobachte ich doch die Auftritte der Schüler und wie sie miteinander umgehen und sehe dabei gegenseitigen Respekt und Freundschaft. Die Kinder spielen auch nach den Auftritten miteinander und die ganze Zeit hört man Lachen. Umso dankbarer bin ich, an diesem Tag hier sein zu dürfen, mit zu feiern, mit zu lachen.
Am Ende des Festes tanzen wir alle - gemeinsam.

© Handicap International
Christine Gottlieb,
ehrenamtliche Mitarbeiterin von Handicap International
Stand: 08/2009