Die Rehabilitationspädagogin Ulrike Last arbeitet seit Januar 2005 in Somaliland. Der Name dieses Landes am Horn Afrikas neben Dschibuti und Äthiopien ist nur wenigen Menschen bei uns ein Begriff. Somaliland erklärte sich 1992 unabhängig von Somalia, bemüht sich aber bis heute erfolglos um internationale Anerkennung.
Somaliland – dies war also das Ziel für meinen lang ersehnten ersten Job „in the field“. Nach Studium der Rehabilitationspädagogik in Berlin, einem Master-Studiengang und Arbeitserfahrung in Deutschland und Großbritannien war es endlich so weit. Innerhalb von vier Wochen beendete ich meinen Arbeitsvertrag in London, verschiffte meinen Besitz zurück nach Deutschland ins Haus meiner Eltern, ging für vier Wochen nach Lyon zu einem Training über Arbeitsweisen und Methoden von Handicap International, feierte zwei Wochen Abschied, Weihnachten und Sylvester in Berlin und flog am 6. Januar nach Somaliland.

Ulrike Last in Somalia © S. Ziegler für Handicap International
Seit 1992 arbeitet Handicap International in dem kleinen Land, das zwei bis drei Millionen EinwohnerInnen hat. Das ehemalige Protektorat von Großbritannien hatte sich damals nach einem erbitterten Bürgerkrieg gerade von Somalia unabhängig erklärt. Von Anfang an waren die Aktivitäten von Handicap International eng an die Entwicklung des Landes geknüpft. So ging es zunächst darum, die durch den Bürgerkrieg verletzten Menschen mit Prothesen und Physiotherapieangeboten zu versorgen.Gemeinsam mit den rückkehrenden Flüchtlingen startete Handicap International den Aufbau eines Reha-Zentrums. Mit der zunehmenden Stabilisierung des Landes im Laufe der 90er-Jahre wurden auch die anderen Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen deutlich: Selbst wenn sie über orthopädische Hilfsmittel verfügen, können sie dennoch oft nicht an der Gesellschaft teilhaben. So ist die Analphabetenrate unter den Menschen mit Behinderungen noch immer höher als unter denjenigen ohne Behinderung. Seit 1999 wurde es deshalb ein Ziel unserer Arbeit, auch die ökonomische und soziale Situation dieser Menschen mit zu verbessern. Dies geschieht durch die Zusammenarbeit mit derzeit drei lokalen Organisationen von Menschen mit Behinderungen, die gezielt ausgebildet und unterstützt werden. Diese Gruppierungen wollen auch den politischen Einfluss für Menschen mit Behinderungen stärken – ein erster Schritt dazu ist z.B., dass Wahllokale für alle zugängig gemacht werden, um damit wenigstens die Grundlage der politischen Teilhabe zu erreichen.
Heute ist das Team unseres Rehabilitationszentrums technisch fast autonom. Es hat sich etabliert und bildet mittlerweile selber PhysiotherapieassistentInnen und OrthopädietechnikerInnen aus. Immer mehr ist das Team dazu fähig, auf eigenen Füßen zu stehen – das heißt vor allem auch, andere Geldgeber zu finden und unabhängiger von uns zu werden. Um Glaubwürdigkeit als lokale Organisation zu beweisen, sind die MitarbeiterInnen dabei, ihre Kapazitäten in der Finanzverwaltung und im Personalmanagement zu stärken, eine eigenständige Logistik aufzubauen und eigene Pläne zu entwickeln. Der Sprung in den internationalen Spendenhimmel ist momentan die einzige Option, da die Regierung keine Geldmittel geben kann und für die PatientInnen keine Versicherungen oder Ähnliches existieren.
So lerne ich viel darüber, wie ein Rehabilitationszentrum betrieben werden kann, und gleichzeitig erfahren die lokalen Teams Unterstützung von mir in eben jenem langen Prozess der Strukturierung. Zentrales Ziel ist es dabei, eine Nicht-Regierungs Organisation (NGO), die bisher nur auf dem Papier besteht, Wirklichkeit werden zu lassen. Diese soll dann nach unseren und ihren Plänen in Zukunft die Rolle von Handicap International übernehmen. In der Organisationsform als NGO liegt bereits ein großes Problem, da NGOs hier als eine der wenigen potenziellen Geldeinnahmequellen gesehen werden. Außerdem ist diese Organisationsform ein europäisches Konstrukt, das nicht auf dem Boden hiesiger sozialer, ökonomischer und politischer Strukturen gewachsen ist, aber trotzdem von jedem potenziellen internationalen Geldgeber als lokaler Ansprechpartner der Zivilgesellschaft erwartet wird. Und so zerbrechen wir uns gemeinsam darüber den Kopf, wie wir eine NGO mit möglichst wenig Grabenkämpfen und Korruptionsanfälligkeit bilden und dabei die Energien und Ressourcen weiterhin auf das Herzstück, das Reha Zentrum, konzentrieren können.
Das wohl wichtigste,was ich hier lerne – und gleichzeitig das, was ich am schwersten akzeptieren kann – ist, dass Entwicklungszusammenarbeit Zeit und Kontinuität braucht. Das ist nicht immer einfach zu gewährleisten. Zu einem großen Teil liegt das an der politischen Unsicherheit des Landes als nicht anerkannter Staat. Die Regierung in Somaliland verfügt nur über ein sehr geringes Budget, das vorwiegend in die Armee fließt – mit der Begründung, dass die Nachbarländer Somalia und Puntland sich weigern, Somalilands Souveränität zu akzeptieren; nur acht Prozent fließen in den sozialen Bereich. Das bedeutet, dass wir im Zusammenhang mit der Sicherheitslage auch immer die Entwicklungen in Somalia mit einbeziehen müssen. Da es auch Bestrebungen gab und gibt, Somaliland in einen streng islamistischen Staat zu verwandeln, versuchen extremistische Organisationen, den NGOs internationaler Herkunft die Anwesenheit zu erschweren. Für meinen Aufenthalt hier bedeutet das, dass wir unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen arbeiten und leben müssen. Abends dürfen wir unser Haus nicht verlassen und unsere Partner kaum besuchen.Wir lernen das Land nur durch die getönten Scheiben des Autos kennen. Seit Januar 2005 wurden wir schon einmal evakuiert. In der Zeit unserer Abwesenheit waren wir in Nairobi und versuchten aus der Entfernung, unsere Arbeit fortzuführen. All diese Umstände fordern viel Flexibilität von unseren Partnern und uns: Für unsere Partner bedeutet es, sich nicht zu hundert Prozent auf uns verlassen zu können – für uns, die kurzen Kontakte möglichst intensiv zu nutzen.Wir alle fühlen den Druck, dass die lokalen Einrichtungen möglichst rasch unabhängiger arbeiten müssen.
Stand: 03/2005