Es sind die Unterschiede, die lange im Gedächtnis bleiben werden von unserer Reise durch Kambodscha.

Szene des normalen Stadtlebens in einer Geschäftstraße. © Handicap International
Schon in der Hauptstadt Phnom Penh begrüßen uns die Farben vieler Blüten und ihr Duft, der immer wieder überdeckt wird vom Gestank in dunklen Ecken der Stadt. Überall begegnen wir freundlich lächelnden und sanft sprechenden Menschen, während die Straßen von lauten Stimmen und Motorenlärm erfüllt sind. In den Dörfern stehen oft ärmliche Hütten neben großen und wohlhabend wirkenden Häusern. Und wenn die schöne, friedliche Landschaft an uns vorbei zieht, ist es nur schwer vorstellbar, welches Ausmaß an Gewalt dieses Land noch vor wenigen Jahren bestimmt hat.
Doch der Krieg und vor allem seine langwierigen Folgen sind es, derentwegen wir hier hingekommen sind. Unsere erste Verabredung führt uns zur kambodschanischen Minenräumzentrale CMAC und ihrem charmanten, noch jungen Direktor Heng Ratana. Obwohl die große Landminen-Konferenz vor der Tür steht, nimmt er sich viel Zeit, unsere Fragen zu beantworten. So erfahren wir, dass seine Einrichtung mit 2000 Männern und Frauen 80% der Kampfmittelräumung im Land durchführt und dabei von verschiedensten Geldgebern wie der deutschen Regierung und Organisationen wie Handicap International unterstützt wird. 90% der Flächen, die sie von den gefährlichen Kriegsresten befreien, liegen direkt in bewohntem Gebiet, das regelmäßig von der Bevölkerung genutzt wird.
In den knapp 20 Jahren, in denen in Kambodscha schon Minenräumung stattfindet, sind allein bei CMAC schon 68 Unfälle bei der Arbeit passiert. 13 Kollegen starben. 2007 kamen bei einem Unfall gleich sieben Entminer ums Leben, als eine Sprengfalle, die als „Aufhebeschutz“ an einer Anti-Fahrzeug-Mine angebracht war, explodierte. Diese Minen, die eigentlich für Panzer bestimmt sein sollen und die im Ottawa-Vertrag nicht verboten sind, bedeuten heute ein besonderes Problem für die Bauern, durch deren Maschinen sie ausgelöst werden können. Wie hoch die Zahl der Opfer durch Anti-Fahrzeug-Minen ist, kann Ratana nicht genau benennen, aber er weiß, dass sie steigt.
Bei der Zentrale der CMAC-Räumungseinheit in der Nähe von Kampong Cham, die wir schließlich besuchen wollen, erwartet uns eine auffällige Leere. Der Leiter, der uns dennoch freundlich empfängt, erklärt, dass er seine Leute im März diesen Jahres nach Hause schicken musste, da die erwarteten amerikanischen Gelder ausblieben. Das lässt sich leicht mit der Finanzkrise erklären – doch was nützt diese Begründung den Menschen, in deren Dörfern weiterhin Minen lauern, und den Männern und Frauen der Teams, die arbeits- und erwerbslos zuhause warten, bis sie endlich wieder zum Einsatz aufbrechen können?
Später haben wir die Gelegenheit, das Team einer anderen CMAC-Einheit bei der Arbeit zu beobachten. Noch nie ist mir so direkt vor Augen geführt worden, wie nahe die Gefahr am Lebensraum der Menschen liegt. In einem lichten Wald von Cashewbäumen haben die Teams ihre Bahnen abgesteckt, auf denen sie Meter für Meter in mühsamer Handarbeit vorgehen. Schon bei der Fahrt zu dem Gelände fallen überall am Rand der Dörfer die „Danger-Mines“-Schilder auf. Nicht nur die Roten Khmer, sondern auch verschiedene vietnamesische und kambodschanische Armeeeinheiten haben hier im Bürgerkrieg Minen verlegt. Und gleichzeitig wurden auch hier im Vietnamkrieg US-amerikanische Streubomben abgeworfen – 26 Millionen der gefährlichen Munitionen fielen aus diesen Bomben heraus auf Kambodscha. Bis zu einem Viertel von ihnen blieb als Blindgänger liegen. Es ist auch ein Stück Munition, dessen Sprengung wir am Ende unseres Besuchs erleben dürfen. Ein markerschütternder Knall – der möglicherweise einem Menschen das Leben gerettet hat.

Im Rehabilitationszentrum von Handicap International in Kampong Cham treffen wir dann einige Menschen, denen eine Mine das Leben zunächst zerstört hat, bis sie mühsam wieder gelernt haben, weiter zu leben. Ein Fünftel der Patientinnen und Patienten hier sind Landminenopfer. Viele von ihnen kommen schon seit vielen Jahren hier her, um sich regelmäßig ihre Prothesen erneuern zu lassen. So wie der 48-jährige Bauer Hang, dessen Prothese durch die Arbeit bei der Flut der letzten Wochen gebrochen ist. Mit provisorischen Schnüren hatte er sie zunächst am Schenkel festgebunden und versucht, so weiterzuarbeiten, weil die Flut die 50 km weite Anreise ins Rehazentrum noch nicht zuließ.
Viele der Männer, die wir hier treffen, waren zum Zeitpunkt ihres Unfalls mit einer Mine Soldaten. Die Opfer sind ja nicht nur unschuldige Kinder oder Frauen, sondern eben auch Männer, die vor ihrem Einsatz als Soldaten ihre Familien mit Feld- oder Fischerarbeit versorgt haben. Manche zogen freiwillig in den Krieg, immer wieder hören wir aber auch, dass ausgelost wurde, wer zu den Soldaten gehen musste. So wie Chun Vanny, der sich nach seinem Unfall bei Handicap International als Orthopädietechniker ausbilden ließ und diesem Beruf mit Leidenschaft nachgeht. Man kann sich diesen zierlichen und schüchternen Mann beim besten Willen nicht als Kämpfer vorstellen. Und dann erzählt er, wie er damals als Soldat aus Angst vor einem Einsatz zurückweichen wollte und dabei auf die Mine trat…

Außer Minenopfern treffen wir auch den jungen Wong Doch, der sein Bein durch den Schuss eines Räubers verlor. Und immer wieder Bauern, die sich bei der Arbeit verletzt haben und deren Wunden so lange nicht versorgt wurden, bis schließlich ein Bein abgenommen werden musste. Viele dieser Männer und Frauen, die aus verschiedenen Gründen mit einer Behinderung leben, haben sich in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen, die von Handicap International mit ein wenig Geld, aber vor allem durch Beratung und Training unterstützt werden. Zwei dieser Gruppen treffen wir in der Nähe von Kampong Cham und Siem Reap in entlegenen Dörfern, zu denen wir auf endlosen zerfurchten Straßen mit tiefen Schlaglöchern gelangen. Sie versammeln sich auf der Wohn-Terrasse eines ihrer Häuser und erzählen, wie sie gemeinsam über ihre Probleme sprechen und Lösungen suchen. Das können Treffen mit dem Dorfchef sein, um in der Gemeinschaft besser anerkannt zu werden, oder Pläne, die der Kommunalverwaltung klar machen sollen, wo Barrieren die Teilnahme von Menschen mit Behinderungen am öffentlichen Leben verhindern.
60 solcher Gruppen hat Handicap International allein in der Region von Siem Reap angeregt. Die Organisation selbst bleibt dabei beratend im Hintergrund. So wie sie sich auch an anderer Stelle schrittweise zurückzieht, damit lokale Strukturen übernehmen können. Das Rehabilitationszentrum von Siem Reap, das von Handicap International aufgebaut und viele Jahre lang geführt wurde, ist jetzt zum Beispiel in staatliche Hand übergegangen. Der frühere Direktor Sophorn Sok begleitet uns dorthin – und nicht immer scheint er zufrieden über die Entwicklung „seines“ Zentrums. Weiterhin ist er daran beteiligt, Lösungen zu finden für Probleme oder Lücken, die neu entstehen. Doch es leuchtet ein, dass die langfristige Versorgung der vielen Menschen mit Behinderung von den eigenen Strukturen des Landes getragen werden muss. Und wenn man bedenkt, wie kurz das Ende des Krieges und der totalen Zerstörung nicht nur des Gesundheitssystems in diesem Land erst zurückliegt, so ist es doch beachtlich, wie vieles hier schon ganz selbstverständlich funktioniert.
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Vermintes Gelände: Lesen Sie den Bericht von Ingrid Müller im Tagesspiegel über den Besuch unserer Projekte in Kambodscha. >>mehr
11. Vertragsstaatenkonferenz in Kambodscha: Ein weiterer Schritt zum universellen Verbot von Anti-Personen-Minen. >>mehr
Stand: 11/2011