Inklusion durch Sport – eine magische Pille?

Inklusiver Sport fördert den gegenseitigen Respekt von Menschen mit und ohne Behinderung und das Verständnis für einander. Ein Interview über Erfahrungen aus Sri Lanka.

-	Ein paar Männer laufen auf die Kamera zu. Dem Mann in der Mitte fehlen beide Beine. Er rennt mit Hilfe von Gehstützen

Wettlauf mit Menschen mit Behinderung in Sri Lanka © Handicap International

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Radiointerview SWR2 - Kontext: Das Paralympics-Privileg

Warum im Behindertensport Athleten aus armen Ländern besonders benachteiligt sind.

Dieser Frage geht die Sendung Kontext des SWR2 vom 5.9 auf den Grund. Als Expertin ist unsere Programmreferentin Stefanie Ziegler im Studio. Ein sehr interessanter Radiobeitrag, der der Diskussion um sogenanntes "techno-doping" im Behindertensport einen ganz neuen Betrachtungswinkel hinzufügt.

Den Beitrag können Sie sich hier ansehen.


Sport als Mittel zur Förderung des Selbstwerts und der Integration von Menschen mit Behinderung ist in Europa längst bekannt. Handicap International hat nun auch Sportprojekte in Sri Lanka begonnen, einem vom Bürgerkrieg traumatisierten Land. Steve Harknett, der Projektmanager, erklärt, wie das Projekt effektiv die Situation von Jugendlichen mit Behinderung verbessert.

Warum ist Sport so wichtig für Menschen mit Behinderung?

Sport hat viele körperliche und gesundheitliche, aber vor allem auch soziale Vorteile. Unsere Zielgruppen leben meist in ländlichen Gebieten, wo sie sehr isoliert sind. Sport bringt sie zusammen.

Das Projekt " Sport für Alle" wird von der EU finanziert und begann im Oktober 2011 in Vavuniya, einem nördlichen Distrikt von Sri Lanka. Was ist das Ziel des Projekts?

Wir wollen die Lebensqualität von Kindern und jungen Erwachsenen mit Behinderung – bis zum Alter von 30 Jahren – durch inklusiven Sport verbessern. Das Projekt zeigt positive Wirkung auf ihr soziales Leben sowie auf ihre körperliche und psychische Gesundheit. Weiterhin wollen wir damit Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft sichtbarer machen und so ihre Wertschätzung und Anerkennung fördern.

Wie wird diese Sichtbarkeit durch Sport gefördert?

Die meisten unserer Aktivitäten finden auf öffentlichen Sportstätten statt. Jeder kann die Leute im Rollstuhl Basketball spielen, Leute mit Prothesen Badminton spielen oder gehörlose Kinder beim Karate sehen. Ihre Eltern haben uns bereits bestätigt, wie wichtig es für sie ist, dass sie ihre Kinder nun in Aktion sehen können, anstatt nur beim Rumsitzen und Zuschauen. Darüber hinaus führen wir Sensibilisierungskampagnen durch. Wir zeigen lokale Sportler wie Dushanthan, einem Sri Lanker mit geistiger Behinderung, der 2011 bei den Special Olympics in Athen dabei war. Unser Hauptziel in dem Projekt lautet jedoch Inklusion.

Was bedeutet denn das komplexe Konzept von Inklusion im Bereich Sport?

Es gibt verschiedene Ebenen von Inklusion; wie weit Inklusion gehen kann, hängt viel von der Art der Behinderung und des Sports ab. In unserem Fall geben wir allgemeinen Sportevents – also ursprünglich für Menschen ohne Behinderung gedachten Veranstaltungen – die neue Komponente Behinderung.  Das kann z.B. ein Rollstuhlrennen bei einem Schulsporttag sein. Wir fördern also die Teilnahme von Menschen mit Behinderung in solchen allgemeinen, sozialen Veranstaltungen, anstatt neue nur für sie anzubieten.

Warum ist das so wichtig?

Die Paralympics z.B. sind ein spezielles Event für Menschen mit Behinderung und dennoch sehr angesehen und bekannt.
Es gibt einige sehr gute Athleten, die zum Beispiel gehörlos sind, wie Sprinter, Hochspringer und Langstreckenläufer. Stellen Sie sich vor – wenn ihr Training auf Sportclubs begrenzt wäre, in denen nur gehörlose Sportler sind, wie viele Chancen würden sie verpassen, sich mit anderen zu messen und zu verbessern! Ziel von Inklusion ist es auch, dass Menschen ohne Behinderung mehr Verständnis und Respekt für behinderte Menschen gewinnen. Inklusiver Sport ist dabei eine tolle Gelegenheit, die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung zu präsentieren.

Wie sehen die genauen Aktivitäten des Projekts aus?

Zunächst bieten wir Schulungen an für Sportvereine, Nicht-Regierungsorganisationen und Sozial- und Jugendarbeiter zur besseren Inklusion von Menschen mit Behinderung – z.B. indem andere Ausrüstung zur Verfügung gestellt wird oder die Regeln angepasst werden. Weiterhin fragen wir sie, ob wir sie bei ihren Sportevents und Trainings unterstützen dürfen, um diese barrierefreier zu gestalten. Denn viele Leute denken, dass nur spezielle NGOs mit den Bedürfnissen von behinderten Menschen umgehen können – dabei kann das jede Schule und jeder Sportverein.  

Wie kooperieren Sie mit den Schulen – liegt der Fokus auf Sporttagen?

Nein, es ist mehr als das. Wir besuchen ihre Sportstunden und versuchen, dort neue Spiele einzuführen, zum Beispiel Sitzball – ähnlich wie Volleyball, aber im Sitzen -  oder Boccia. Diese Spiele sind auch ideal für Kinder mit körperlichen Behinderungen, außerdem können sie problemlos inklusiv gespielt werden, wenn man gemischte Teams mit und ohne Behinderung bildet.

Sind Sie überzeugt davon, dass Sport Menschen mit Behinderung wirklich helfen kann?

Meiner Meinung nach kann Sport helfen, aber nur ein Teil der Lösung sein – er kann nicht alle Bedürfnisse stillen. Sport wird manchmal als eine Art magische Pille für die Lösung der Probleme in der Welt verkauft – das kann er natürlich nicht leisten. Oberste Priorität für die Leute ist es immer, dass ihre Grundversorgung sichergestellt ist: Gesundheit, Wasser, Lebensunterhalt etc. Doch manche Menschen mit Behinderung müssen so hart arbeiten, dass sie gar keine Freizeit und Zeit für Sport haben. Deswegen müssen wir die Balance schaffen, wie sie sowohl die lebensnotwendigen Aktivitäten in ihrem Leben ausüben und dabei noch ihre Freizeit gestalten können, sodass sie die sozialen und physischen Vorteile des Sports erleben dürfen.

Sieben Rollstuhlfahrer fahren nebeneinander um die Wette.
Rollstuhlrennen in Sri Lanka. © Handicap International

Steve Harknett

Steve Harknett arbeitet seit über zehn Jahren im Bereich Behinderung und Entwicklung, vor allem in Kambodscha und Ostafrika.
Als begeisterter Langstreckenläufer hat er selbst Sportevents in Kambodscha organisiert und interessiert sich für die Rolle von Sport in sozialer Entwicklung.
Derzeit arbeitet er in einem Sport-Entwicklungsprojekt in Sri Lanka.


Dieses Interview wurde für das GIZ Online-Magazin geführt und ist in englischer Sprache als Volltext nachzulesen unter http://www.digital-development-debates.org/08-sport/health/interview-the-magic-pill.html#page-1 (Journalistin Eva-Maria Verfürth)

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