Gespräch mit der Minenräumerin Miranda Nushi aus dem Kosovo

München, 17. Oktober 2002

Miranda Nushi

Miranda Nushi bei einer Vorführung im Passauer Scharfrichterhaus © Handicap International

Wann, glaubst du, kann man im Kosovo endlich zu einem normalen Leben zurück kehren?
Das ist schwer zu sagen. Der Krieg ist schon seit drei Jahren vorbei, und wir haben immer noch das Problem mit den Minen, viel mehr allerdings noch mit Clusterbomben (Streubomben). Es war Frühling, als die NATO damals mit der Bombardierung begann, und der Boden war sehr weich. Deshalb sind viele der kleinen Splitter dieser Bomben nicht explodiert.

Wie viele Clusterbomben wurden denn abgeworfen?
Das scheint niemand so genau zu wissen. In einem von einer anderen Organisation als geräumt und sicher deklarierten Gebiet ist erst vor einigen Monaten eine Zivilperson von einer Clusterbombe getötet worden. Nach dem Unfall wurde dieses Gebiet noch einmal neu abgesucht - und wir haben weitere 131 Clusterbomben gefunden! Das liegt daran, dass die erste Räumung an der Oberfläche stattfand, doch im Laufe des Jahres wandern die Clusterbomben auch aus tieferen Erdschichten nach oben. Wir suchen Minen und Clusterbomben bis in 50 cm Tiefe mit sehr sensiblen Detektoren und Ortungsgeräten.

Wann und wie werdet Ihr als Minenräumer aktiv?
Meist wird uns gemeldet, dass jemand etwas entdeckt hat, das aussieht wie eine Mine oder Bombe. Wir befragen dann zunächst die Leute, sehen uns die Stelle an, vergleichen die Angaben mit den Militärkarten der Jugoslawischen Armee und fragen ggf. bei unserem Chef nach weiteren Informationen zu dem gefundenen Sprengkörper. Wir benutzen auch die Informationen der NATO über deren Bombardierungen.

Wie viel schafft ihr an einem Tag?
Minenräumen ist eine sehr langsame Arbeit. Inzwischen, mit der Erfahrung von drei Jahren, schaffe ich 20-25 Quadratmeter am Tag.

Was hast du für ein Training bekommen?
Erst einen Monat Theorie, dann fünf Monate im Feld mit einem Begleiter, danach habe ich dann das Diplom bekommen. Später besuchte ich noch Kurse über Clusterbomben, Bomben, nicht explodierte Munition, Projektile, Raketen, Granaten... Aber du kannst niemals sagen, du bist vollständig fertig mit der Ausbildung, du weißt alles über Minen. Ich zum Beispiel kenne mich mit russischen Minen und amerikanischen Bomben aus, aber nicht mit amerikanischen oder deutschen Minen.

Wie viele verschiedenen Minetypen findet Ihr?
Normalerweise finden wir hier zwei Anti-Fahrzeug-Minen-Typen und vier Anti-Personen-Minen-Typen. Wir haben sogar schon Anti-Fahrzeug-Minen gefunden, unter denen noch 20 kg- Dynamit-Kisten vergraben waren, um die Explosion noch zu verstärken.

Was passiert, wenn ihr eine Mine findet, die ihr nicht kennt?
ann wird sofort aufgehört zu arbeiten. Wir fragen unseren Supervisor und versuchen, Informationen in der Datenbank zu finden - so lange, bis wir genau wissen, wie diese Mine funktioniert und wie sie zu räumen ist.

Und was macht ihr, wenn ihr eine Clusterbombe findest?
Wir bewegen sie auf keinen Fall, wir markieren die Stelle und zerstören sie dort.

Was ist ein Boobytrap?
Die fand man vor allem in Häusern, z.B. in Prizren. Als gleich nach dem Krieg die Flüchtlinge zum Beispiel aus Albanien in ihre Häuser zurückkehrten, ist es häufig passiert, dass die Eltern sich im Haus nach Minen umschauten, während die Kinder den Fernseher einschalteten - und der explodierte. So etwas ist ein Boobytrap.

Wie können Menschen nur so etwas tun?
Im Kosovo gab es vergleichsweise wenig Boobytraps. Das war in Bosnien ganz anderes. Denn im Kosovo standen die Häuser nicht so lange leer, der Krieg dauerte nur drei Monate. In Bosnien dagegen dauerte er vier Jahre, und in dieser Zeit wurden sehr viel mehr Boobytraps in Häusern verlegt. Im Kosovo waren immer die Minen und Clusterbomben das größere Problem. Aber auch Boobytraps sind vorgekommen.

Was wurde denn nach dem Krieg als erstes entmint?
Priorität für uns waren die Häuser in den Städten und Dörfern. Die Leute wollten endlich wieder nach Hause. Aber es gibt immer noch Dörfer im Grenzgebiet, die noch nicht freigegeben sind. Viele Flüchtlinge wurden aus Deutschland wieder in den Kosovo geschickt, weil es hieß, das Kosovo sei sicher.

Wo sind sie denn dann hingegangen?
Sie müssen zum Teil irgendwo anders leben, wenn ihre Häuser noch immer vermint oder vollkommen zerstört sind. Am Anfang gingen manche Leute heim und wollten ihre Häuser selbst entminen. Viele wurden bei Explosionen getötet.

Was tut ihr, wenn jemand trotz Minengefahr in sein Haus oder Dorf zurückkehren will?
Wir können die Menschen letztlich nicht daran hindern. Unsere Pflicht ist es, sie auf die Gefahr hinzuweisen. Bis Ende 2001 hatten wir Infocenter, wo sich die Menschen über die Minengefahr in ihren Heimatdörfern informieren konnten, und alle unsicheren Gebiete waren markiert. Das Informationssystem im Kosovo ist sehr gut.

Unterstützen Euch eigentlich die Anwohner eines Minenfeldes, zum Beispiel mit Essen?
Zivilisten dürfen nicht näher als 100 m zum Minenfeld kommen. Aber manchmal kommen die Menschen zu dieser Grenze, wo wir Pause machen, und dann unterhalten wir uns.

Wie fühlst du dich dabei, so einen gefährlichen Job zu machen? Hast du Angst vor Minen?
Ich bin einfach immer sehr vorsichtig und habe großen Respekt sowohl vor den Minen als auch vor den strengen Regeln der Räumung. Aber wenn ich Angst hätte, könnte ich diese Arbeit nicht machen.

Wie lange machst du das noch?
Ja, zunächst mal die nächsten neun Monate, und dann werden wir weiter sehen. Ich hoffe, ich kann diese Arbeit noch weiter machen, denn es ist noch so viel zu tun. Aber grundsätzlich ist Entminung kein Job fürs ganze Leben.

Gibt es denn genug Geld für Euer Entminungsprojekt im Kosovo?
Unser Job ist eben genau noch neun Monate sicher. Dann werden wir sehen, ob unser Auftrag verlängert wird, ob genug Geld dafür da ist. Handicap International ist im Augenblick die letzte Organisation, die im Kosovo noch entmint bzw. lokale Entminungs-Teams unterstützt.

Heißt das die Menschen werden dann alleine gelassen mit der Minengefahr?
Im Juni 2003 wird die UN-Verwaltung wahrscheinlich sagen: "Gut, das Kosovo ist entmint!" Aber das ist nicht wahr. Im Augenblick haben neun Teams noch immer sehr gut zu tun.

Wer beendet denn den Vertrag?
Zum Teil ist das Projekt von der EU, zum Teil aus anderen Quellen finanziert. Ohne Finanzierung kann Handicap International das Projekt natürlich nicht fortführen.

Warum machst du diese Arbeit?
Entminung ist kein Job, mit dem man nur Geld verdienen will. Ich mache das für die Menschen in meinem Land, vor allem für die Kinder, die unbeschwert und ohne Minengefahr aufwachsen sollen.

Wäre es etwas anderes, wenn du in einem anderen Land tätig wärst?
Nein, das Gefühl ist dasselbe - egal wo. Alle Kinder auf der ganzen Welt müssen vor Minenunfällen bewahrt werden!

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