Anfang Februar 2004 kam unser Mitarbeiter Christian Schlierf von einer Erkundungsmission aus dem vom Erdbeben heimgesuchten Bam zurück. Die Realität zeigte sich ihm noch härter als das, was die Fernsehbilder uns vermitteln konnten. Nachdem sich viele Hilfsorganisationen nach der ersten Versorgung schon zurückgezogen hatten, blieben Menschen mit Behinderungen auf sich gestellt - ohne Häuser, oft ohne Familie und ohne Infrastruktur für ihre Versorgung:

Vom Erdbeben zerstörtes Auto in Bam © Ch. Schlierf/ Handicap International
Es waren erschreckende Nachrichten in den letzten Weihnachtstagen: Am 26. Dezember 2003 wurde frühmorgens um 5 Uhr 30 die Stadt Bam, 1.500 km südöstlich von Teheran gelegen, von einem starken Erdbeben getroffen. Das Beben selbst dauerte ca. 10 Sekunden und der darauf folgende Zusammenbruch der Infrastruktur einschließlich 90 % aller Gebäude nicht länger als eine Minute. Mindestens 45.000 Menschen fielen der Katastrophe zum Opfer, 30.000 Menschen wurden verletzt, 10.000 davon schwer.
Gleich zu Beginn unserer Reise treffen wir einen dieser Menschen: eine junge Frau, deren Körper von einem Korsett gestützt wird. Unser iranischer Begleiter erklärt uns, dass sie beim Erdbeben ihre ganze Familie verloren hat, darunter ihre drei kleinen Söhne. Mit Tausenden anderen teilt sie das Schicksal des doppelten Verlusts - ihrer Familie und ihrer Gesundheit. Von uns Ausländern erhofft die junge Frau nun das, was die iranischen Ärzte noch nicht erreichen konnten: sie zu heilen. Diese Erwartung zu erfüllen scheint mir unmöglich, bei all der Trauer, die sie erleiden muss. Doch wir werden versuchen, ihr und vielen anderen zu helfen.
Die Liste der Verletzungsarten und die Zahl der Betroffenen, die wir auf unserer Reise kennen lernen, scheinen schier endlos. Auffällig hoch ist die Zahl an Wirbelsäulenverletzungen, die eine Querschnittslähmung zur Folge haben, aber auch die Anzahl an komplizierten Brüchen, notwendigen Hauttransplantationen und Amputationen. Die medizinischen Komplikationen werden zudem in den nachfolgenden Wochen und Monaten noch enorm zunehmen, da sich bestimmte Verletzungen auf Grund mangelnder hygienischer Verhältnisse und entsprechender medizinischer Nachsorge verschlechtern. Die ca. 70.000 Menschen die noch in Bam verweilen, fristen ihr Dasein in einfachen Zelten, ohne Wasserversorgung und ohne Toiletten. Die klimatischen Bedingungen machen das Überleben hier noch schwerer, die Temperaturen fallen nachts bis auf den Gefrierpunkt.

Medikamentenausgabe in Bam © Ch. Schlierf/ Handicap International
Zwar waren Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt bereits drei Tage nach dem Beben vor Ort, um Menschen aus den Trümmern zu bergen, Verletzte in Krankenhäuser überall im Iran zu evakuieren und die verbleibende Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und erster Hilfe zu versorgen. Dennoch haben wir auf unserer Erkundungsmission für die nächste Zukunft einen immensen Bedarf an Unterstützung in der weiteren medizinischen Versorgung, Rehabilitation und psychosozialen Sorge erkannt. Wir planen also, verschiedene Rehabilitationseinrichtungen aufzubauen und mit allen notwendigen Gerätschaften und Materialien auszustatten. In Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen werden wir die Aus- und Weiterbildung lokaler Physiotherapeuten und Orthopädietechniker fördern, um auch die mittel- und langfristige Versorgung für die betroffenen Menschen in Bam zu gewährleisten.