„Ich arbeite mit Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Entwicklungsländern.“„Oh!“, sagen die Leute oft mitleidig, „Wie halten Sie das aus, die Armut und die Behinderungen, so viel Leid?!“
Ich erzähle dann, wie sehr mich meine Arbeit als Rehabilitationspädagoginund die Studien zu Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit inspirieren. Ich lerne viel von und mit behinderten Menschen – z.B. über unsere Gesellschaften. Sie sagen oft, dass sie weniger an ihren körperlichen oder intellektuellen Beeinträchtigungen leiden als an den fehlenden Hilfsangeboten und der Ausgrenzung durch bauliche und gedankliche Barrieren.

Eine meiner langjährigen Fragestellungen in Theorie und Praxis ist, warum behinderte Menschen in allen Ländern – mal mehr, mal weniger – ausgegrenzt werden. Wie können wir gemeinsam eine Gesellschaft schaffen, in der alle Menschen gleichberechtigt leben? Inzwischen arbeite ich schon das vierte Jahr für Handicap International. Einige Jahre war ich in Somalia als Projektmanagerin tätig. Nach dieser sehr anregenden und nicht immer gefahrlosen Zeit machte ich mich auf die Suche nach einem ruhigeren Einsatzland und begann 2008 meine Arbeit als Koordinatorin für die Rechte und Integration von Menschen mit Behinderung in Kambodscha.
Somalia und Kambodscha teilen die schmerzhafte Erfahrung eines langjährigen brutalen Bürgerkriegs, der in Kambodscha Anfang der 1990er Jahre endete. Doch noch immer kämpft das Land – heute vor allem gegen die Armut. Handicap International unterstützt diese Bemühungen seit 1992. Ich selbst betreue drei Projekte, indenen wir gemeinsam mit behinderten Menschen daran arbeiten, ihren Zugang zu Bildung, Beruf, rechtlicher Anerkennung und Gesundheitsversorgung zu verbessern. Ein Projekt möchte ich Ihnen vorstellen:
Im ländlichen Kambodscha steht behinderten Menschen und ihren Familien ein monatliches Einkommen von durchschnittlich nur 29 US-Dollar zur Verfügung. Es gibt hier keine allgemeine Gesundheitsversorgung und auch die ärmsten Familien müssen für den Schulbesuch ihrer Kinder bezahlen. Dafür bleibt aber meist kein Geld.

Ohne Bildung oder zusätzliche Investitionen, z.B. für den Anbau von Nahrungsmitteln oder die Eröffnung eines kleinen Geschäfts, können die Familien ihrevon Armut und Aussichtslosigkeit geprägte Lebenssituation jedoch nicht verbessern.
In Battambang, der Provinz mit den meisten Überlebenden von Unfällen mit Landminen, bieten wir Lehrgänge an, in denen die TeilnehmerInnen ihre Kenntnisse z.B. in der Landwirtschaft verbessern können. Einfaches Business Management Training hilft, neue Einkommenswege zu erschließen und Geschäfte besser zu planen. Die Geschäftsideen kommen von den behinderten Menschen selbst, die Grundlagen zur Geschäftsgründung oder -erweiterung wie Ferkel, Hühner oder die benötigten Materialien, um einen kleinen Kiosk aufzubauen, stellen wir ihnen zur Verfügung.
Die barrierefreie bauliche Anpassung von Häusern und Geschäften ermöglicht behinderten Menschen, diese ohne Hilfe zu erreichen. Dadurch entwickeln sie mehr Autonomie und Selbstvertrauen.
Wir fördern außerdem Familien, die zu arm sind, um selbst Gesundheitsleistungen zu bezahlen. Wir bilden GemeindearbeiterInnen darin aus, die auch psychisch oft schwer belasteten Familien zu beraten. Denn durch die prekäre Lebenssituation und die Bürgerkriegserfahrungen leiden Menschen mit Behinderung oder ihre Familienangehörigen oft auch an Depressionen.
Schließlich beraten wir Partnerorganisationen aus Regierung und Zivilgesellschaft darin, zu verstehen, was Behinderung ist und wie sie selbst Barrieren abbauen können. Wir ermutigen sie dabei, Menschen mit Behinderung als gleichberechtigte MitbürgerInnen in ihre Planungen einzubeziehen.

Gerade ist ein neuer Dokumentarfilm in Arbeit, der ein positiveres Bild von behinderten Frauen und Männern vermittelt und anderen Mut macht: Denn er zeigt ProjektteilnehmerInnen, die ihre Lebenssituationen bereits verbessert haben! Einen solchen Film mit Erfolgsgeschichten gab es bislang nicht.
Seit 2008 konnten wir durch dieses von der Europäischen Union mitfinanzierte Projekt rund 500 Haushalten dabei helfen, ihr Einkommen zu verbessern. Und davon profitieren auch die Kinder: Ihre Eltern können das Schulgeld bezahlen und sie müssen weniger auf dem Feld mitarbeiten.
Stand: 10/2009