Samah Abu Lamzy ist im Gazastreifen für Handicap International im Einsatz. Mit 16 ist sie nach Gaza gekommen und hat seitdem die Region nicht mehr verlassen. Sie ist nun 27 Jahre alt und hat ein kleines Kind. Ihre Eltern hat sie seit 11 Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wie die meisten hier hat sie tagtäglich mit dem Ausbruch einer erneuten Krise zu rechnen.
Wie ist die Lage in Gaza ein Jahr nach den Angriffen im Dezember 2008?
Zumindest vom Sicherheitsaspekt her betrachtet, ist die Lage besser als letztes Jahr. Dennoch verschlechtert sich die Gesamtsituation, was vor allem an der Politik liegt. Bis zu 60 Prozent der palästinensischen Bevölkerung beklagen die unsichere Lebensmittelversorgung und können angesichts der wachsenden Arbeitslosenzahlen und einer steigenden Armutsrate kein menschenwürdiges Leben führen. Menschen mit Behinderung gehören in besonderem Maße zu den Leidtragenden.

Wie sieht der Alltag aus?
Das Leben ist durch das über den Gazastreifen verhängte Embargo sehr schwierig. Die wirtschaftlichen Beschränkungen in der Ein- und Ausfuhr von Waren greifen in erheblichem Maße auf die Lebensbedingungen der Menschen über. Viele sind auf Lebensmittellieferungen durch humanitäre Hilfsorganisationen angewiesen. Durch die Schließung der Grenzübergänge und die Reisebeschränkungen werden auch Studierende an der Fortführung von Ausbildungen außerhalb von Gaza gehindert. Jeden Monat sterben Menschen, da sie nicht rechtzeitig zur Behandlung in Krankenhäuser außerhalb von Gaza gebracht werden. 162 Familien, deren Häuser Anfang letzten Jahres zerstört wurden, sind heimatlos geblieben – das gibt bei der momentanen Winterkälte Anlass zu großer Beunruhigung.
Welche Projekte von Handicap International gibt es in Gaza?
Wie viele der im humanitären Bereich arbeitenden Hilfsorganisationen haben wir aus der Krise im letzten Jahr gelernt und bereiten uns entsprechend vor, um im Notfall effektiv auf die Bedürfnisse der Bevölkerung reagieren zu können. Wir schulen Menschen mit Behinderung – vor allem die ganz armen und an den Rand der Gesellschaft gedrängten – darin, ihren Alltag besser zu bewältigen und ihrer Rechte wahrzunehmen. Sie werden dabei unterstützt, öffentlich auf ihre Situation aufmerksam zu machen und damit selbst zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen beizutragen. Handicap International bietet außerdem Hilfen im Bereich der Rehabilitation an und verteilt entsprechende Hilfsmittel wie Rollstühle, Gehstützen und Dekubitusmatratzen. Wir haben Netzwerke unter Anbietern behindertenspezifischer Produkte und Dienstleistungen geschaffen, um die Abstimmung untereinander und die Hilfsangebote für Menschen mit Behinderung zu verbessern. Für einzelne Menschen bieten wir ergotherapeutische Trainingsmaßnahmen,, und wir beraten sie und ihre Familien, wie sie eine höhere Selbstständigkeit im Alltag erreichen können, und ermutigen sie dazu, sich in ihre Gemeinschaft einzufügen.
Gibt es auch neue Aufgabenbereiche?
Im Zuge all dieser Maßnamen möchte Handicap International anderen Akteuren offen vor Augen führen, welche Kreativität und Selbstständigkeit Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt entfalten, wenn sie ermutigt und unterstützt werden. Dazu führen wir mit 20 Personen Trainingsmaßnahmen durch, um sie zum Aufbau ihres eigenen Geschäfts zu befähigen. Die so Ausgebildeten haben realistische Machbarkeitsstudien zu Projekten erstellt, wie beispielsweise einen Laden für Damen-Accessoires, einen Minimarkt sowie ein Internet-Cafe. Zum Schluss sollen die zwölf erfolgversprechendsten Projekte mit je 3000 Euro unterstützt werden, um damit die Geschäftsidee umzusetzen.
Stand: 01/ 2010