Jean-Baptiste Richardier, Frankreich 1997
„Konferenzen – in Brüssel im Juni, Oslo im September und bald
in Ottawa… Anfang Dezember 1997 wollen zirka zehn Länder einen Vertrag für ein Totalverbot von Anti-Personen-Minen unterzeichnen. Dieser Vertrag wird momentan in Oslo verhandelt und soll die Rechtswidrigkeit von Produktion, Handel und Verwendung dieser Waffen, die jedes Jahr 26.000 Menschen töten oder schwer verletzen, klar festlegen. Die Mehrzahl der Opfer stammt aus der Zivilbevölkerung, 500 pro Woche, ein Mensch alle 20 Minuten. Die Verhandlungen der nächsten Monate werden zeigen, wie zielstrebig unsere Politiker sind.
Auf jeden Fall müssen wir, die Internationale Landminenkampagne, mehr denn je das bürgerschaftliche Engagement ausweiten, um bei den schwierigen Verhandlungen auf den Inhalt des Vertrags einwirken zu können. Der Vertrag darf keine Ausnahmeregelungen enthalten, die mit dem moralischen Anspruch dieses Verbots unvereinbar sind.
Das ist der Sinn des monumentalen Werkes „Broken Chair“, das von Handicap International vor dem Palais des Nations in Genf aufgebaut wurde. Es soll unsere Zielstrebigkeit verdeutlichen, mit der wir die „generelle Mobilisierung“ auch über die Unterzeichnung des Ottawa- Vertrages hinaus weiterführen und verstärken wollen. Die Auswirkungen des Vertrages werden für die Zahl täglicher Opfer unbedeutend bleiben, solange er nicht weltumfassend angelegt ist und solange er nicht umgesetzt und eingehalten wird.“

Vor dem UN-Gebäude in Genf stellt Handicap International das Monument "Broken Chair" auf. © Handicap International
Aufschrei des Protests
Lieber Jean-Baptiste,
manche Geschichten dürfen einfach nicht vernachlässigt werden und in Vergessenheit geraten, ihre Einzelheiten dürfen nicht spurlos verschwinden – ob als Traum oder Alptraum. Ich kann nicht mehr. Das, was heute passiert ist, ist ein düsteres Ritual. Ein weiteres Minenopfer. Fleisch und Knochen. Erste Hilfe. Ein zerstörtes Leben, quasi vor meinen Augen.
Ich glaubte, ich könnte diesen Moment nicht überleben. Letztlich konnte ich nichts anderes tun, als mich vor allen Leuten vor der Haustür des jungen Bonzen, der gerade verletzt worden war, zu übergeben.
Russ, ein Freund, bemühte sich allein um die ersten Maßnahmen; später machte er sich Vorwürfe, Fehler gemacht zu haben. Aber er war ganz allein und er hat’s gemacht. Ich schaute nur zu wie ein Idiot, wie gelähmt, krank. Circa 12 cm weißer Knochen ragten aus der Wunde heraus. Darüber eine Menge dunkles Rot verbrannten Fleisches, gemartert. Seit fünf Minuten erst der Luft ausgesetzt, aber schon entsetzlich.
Der junge Bonze ist noch ein Kind, in seiner orangefarbenen Robe, wie seine Kollegen. Er sieht ziemlich jung aus, dachte ich. Wahrscheinlich noch kein Gelübde auf Lebenszeit, und das ist auch besser so, denn jetzt ist es für ihn nicht mehr möglich: ein Bonze muss – wie man mir erzählt hat – unversehrt sein.
Ich denke, dass ich ihn morgen sehen werde, nach der Operation. Aber ich stelle mir schon vor, wie sein Leben aussehen wird mit diesem verstümmelten Klotz Fleisch an der Stelle eines gesunden Beines.
Meine Arbeit wird sein, sicherzustellen, dass er in einer unserer Werkstätten eine adäquate Prothese erhält, aber ich werde das Bild dieser unendlichen Not nie vergessen, und ich weiß aufgrund meiner eigenen physischen und moralischen Leiden, dass das Allerwichtigste, was wir heute tun müssen, ist: dafür kämpfen, dass diese Menschen von Minen befreit werden.