Jean Baptiste Richardier erzählt von einer der ersten Patientinnen im Jahr 1985
Als wir Mom das erste Mal sahen, hielt sie den Kopf gesenkt. Ihr Gesicht wurde von ihren schönen schwarzen Haaren verdeckt. Schüchtern lehnte sie es ab, zu sprechen. Bei jedem vorsichtigen Versuch, sie anzusprechen, liefen stumme Tränen über ihre Wangen.
Wir wussten, dass Mom zwei Wochen vor unserer Ankunft in Thailand amputiert worden war. Eine Kugel aus einer Maschinenpistole hatte sie am Bein verletzt, als sie versucht hatte, vor den gewalttätigen Kämpfen zu fliehen, die das Grenzlager in Nong Samet völlig zerstört hatten. Sie war in das Lagerkrankenhaus von Khao I Dang verlegt worden, in dem die Chirurgen des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes ihr schließlich das Bein abnehmen mussten. Wegen der Kämpfe hatte Moms Verletzung nicht rechtzeitig versorgt werden können. Ihre Wunde hatte sich schlimm entzündet, und allein die Amputation konnte sie noch retten. Sie war 10 oder vielleicht 11 Jahre alt, sie hatte keine Familie mehr. Ihre stummen Tränen waren der einzige Protest gegen die Grausamkeit ihres Schicksals.

Jean Baptiste Richardier und Mom © Eric Pradat
Marie gelang es als Erster, ihr ein Lächeln zu entlocken, indem sie ihr immer mehr Zuneigung schenkte und auf innige Weise mit ihr spielte. Nach und nach konnten wir Mom davon überzeugen, jeden Tag zu uns in die Werkstatt zu kommen, um Maß zu nehmen und für die Anproben der Prothese, die Marie für sie vorbereitete. Innerhalb einiger Wochen wurde sie wieder zu einem aufgeweckten und sehr gesprächigen kleinen Mädchen. Manchmal war Mom allerdings immer noch geistesabwesend, den traurigen Blick verloren in ihren schrecklichen Erinnerungen.
Für Mom wurde es höchste Zeit, ein stabiles familiäres Umfeld zu finden und die Schule zu besuchen. Wir suchten mit Marie, die nicht wollte, dass sich Mom zu stark an sie band, eine kambodschanische
Familie, die dazu bereit war, das Mädchen rechtskräftig zu adoptieren. Schließlich lernten wir eine außergewöhnliche Familie kennen. Der Mann war Arzt, einer der wenigen Überlebenden des durch die Roten Khmer begangenen Genozids, die Frau war Lehrerin in Phnom Penh. Sehr schnell war die Adoption beschlossene Sache und Mom, die junge Waise, die durch diesen absurden Krieg verstümmelt worden war, fand in diesen beiden Menschen aufmerksame Eltern und bekam dazu noch sechs neue Geschwister.
Mom und ihre Familie leben heute in der Gegend von Lyon in Frankreich. Sie wurden dort als Flüchtlinge aufgenommen und Handicap International hat die vielen notwendigen Schritte unternommen, um die Familie unterzubringen und sicherzustellen, dass man sich in den ersten Monaten gut um sie kümmert.
Heute ist Mom glücklich. Sie fährt nicht mehr beim kleinsten ungewöhnlichen Geräusch auf und sie spricht nie von den Jahren ihres Leidens. Für uns bleiben Mom und ihr wunderbares Lächeln eine unerschöpfliche Quelle des Optimismus. Ihre Geschichte ist ein lebendiger Beweis für den Sinn unserer Bemühungen und gibt uns den Mut, mit unserer Arbeit weiterzumachen.