Marie-Christine Bouët ist Physiotherapeutin und war seit 1984 mehrmals für Handicap International im Einsatz.
"Unser Beruf ist vielleicht wenig sichtbar, unscheinbar, aber für die Rehabilitation behinderter Menschen ist er unbedingt notwendig. Wie soll ich Ihnen den Schock erklären, den man empfindet, wenn Menschen in die Werkstatt kommen, indem sie sich auf dem Boden kriechend hereinschleppen – und wie das Glück, wenn sie diese aufrecht mit ihren Prothesen, Orthesen oder mit einem Rollstuhl wieder verlassen können? Gerne möchte ich Ihnen von einem kleinen siebenjährigen Mädchen berichten, das eines Tages in unsere Werkstatt in Takeo in Kambodscha kam.
An diesem Tag lächelte Sophal nicht. Sie war sehr traurig. Traurig, da sie fühlte, dass sie durch ihre Kinderlähmung eine Belastung für ihre Familie geworden war. Infolge der Krankheit war ihr linkes Bein gelähmt und seit zwei Jahren konnte sie nicht mehr gehen. Bevor die Behandlung begann, versuchte meine kambodschanische Kollegin als erste Hilfsgeste, Sophal und ihrer Mutter Hoffnung zu geben, indem sie sich mit ihnen unterhielt. Ja, sie würde wieder gehen können! Natürlich müsse man, bevor sie mit Hilfsmitteln versorgt werden könne, mit Massage- und Mobilisierungsbehandlungen beginnen, damit die Muskelverkürzungen des gehbehinderten Beines korrigiert werden könnten und um das gesunde Bein, das durch den Nichtgebrauch ebenfalls zu schwach geworden war, wieder zu kräftigen.

© Handicap International
Am Anfang hatte Sophal Angst vor Schmerzen. Nach und nach wurde sie lockerer und fasste dank der Physiotherapeutin Sy Cheath und dem Orthopädiemechaniker, der sich ihrer in der Werkstatt angenommen hatte, Vertrauen. Sobald ihre Gehhilfe fertig war, konnte das Training beginnen: am Anfang am Parallelbarren, dann – mit unendlicher Vorsicht –, indem sie sich auf zwei Krücken stützte… Sophal bewies Mut. Die Mühen und die Anstrengungen machten ihr wenig aus. Sie wollte unbedingt wieder gehen können. Schritt für Schritt musste sie alle Bewegungen der Unabhängigkeit neu erlernen.
Was war das für eine Freude, als wir sie am Ende der beiden mit ihr verbrachten Monate sahen, wie sie nach Hause gehen konnte, um mit ihren Freunden zu spielen… und vor allem, endlich die Schule besuchen zu können! Denn all ihre Anstrengungen wären vergebens gewesen, hätten wir nicht ihr Umfeld mit einbezogen. Wir gingen mit Phin Ry, dem Rehabilitationshelfer, zu ihr nach Hause. Wie die meisten Kambodschaner lebt Sophals Familie in einem Pfahlbau. Daher mussten wir ihr beibringen, mit der Orthese eine Leiter hinauf- und hinabzusteigen. Phin Ry begleitete sie auch zur Schule. Dort erklärte er dem Grundschullehrer ihre Behinderung, damit ihre Integration gut vonstatten gehen konnte.
Wir Physiotherapeuten arbeiten innerhalb eines Teams: mit der behinderten Person, aber auch mit ihrer Familie. Denn unsere Arbeit hat vor allem die Rückkehr der Menschen in ihr normales gewohntes Umfeld zum Ziel. Die Mitwirkung aller ist erforderlich, um diesen wunderbaren Moment zu ermöglichen. Was auch immer zu der Behinderung geführt hat – die Explosion einer Anti-Personen-Mine oder die Verletzung durch eine Waffe, eine Krankheit oder ein Autounfall – wir müssen die Menschen in allen Bereichen ihres Lebens begleiten. Der wichtigste Teil unserer Arbeit besteht darin, einheimische Physiotherapeuten und Erzieher wie Sy Cheath und Phin Ry auszubilden. Diese Ausbildung ist in erster Linie deshalb so wichtig, weil es diese Berufe häufig vor Ort noch gar nicht gibt – daher werden die Menschen nicht behandelt, nicht mit Hilfsmitteln versorgt, nicht nachversorgt – und auch, weil diese ausgebildeten Frauen und Männer eines Tages den Fortbestand der mit ihnen begonnenen Maßnahmen sicherstellen werden."