Interview mit dem Gründer von Handicap International, Jean Baptiste Richardier
Sie befanden sich an der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha, als Sie die Idee hatten, Handicap International zu gründen. Was haben Sie dort gemacht?
Ich war mit Ärzte ohne Grenzen bei einem Einsatz in einem Flüchtlingslager in Khao I Dang als medizinischer Geburtshelfer tätig. Es war eine sehr intensive Zeit mit drei Nachtdiensten jede Woche und durchschnittlich 15 Geburten pro Nacht. Daher brauchte ich nach einem Jahr eine Verschnaufpause… Gerade in dieser Phase trafen meine Frau Marie und ich zufällig einen Vertreter der Organisation SOS Kinder ohne Grenzen. Dort suchte man nach einem Leiter des Programms zur Hilfsmittelversorgung für Landminenopfer, die amputiert werden mussten.
Nahmen Sie das Angebot von SOS Kinder ohne Grenzen ohne zu zögern an?
Als man mir die Stelle anbot, hatte ich das Gefühl, meine Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten in den Dienst einer viel zu lange verdrängten, dringend notwendigen Sache stellen zu können. Meine Frau und ich waren höchst motiviert, etwas zu tun. Aber unsere einzige Kompetenz war die genaue Kenntnis der Lage der zahlreichen amputierten Menschen, und unser einziges Verdienst war es, dass wir die Angst vor unserer Inkompetenz im Bereich Hilfsmittelversorgung und Rehabilitation überwanden. Ich glaube, was uns durchhalten ließ, war die Tatsache, dass wir relativ schnell die Erfolge unserer Arbeit sehen konnten und dass wir jeden Tag miterlebten, mit welchem Durchhaltevermögen die Betroffenen ihre Gehübungen machten. Ihre Einstellung hat uns motiviert.

Der Anfang in den Flüchtlingslagern: Jean Baptiste Richardier (Mitte), Claude Simmonot (rechts) © Handicap International
Wie schlägt man sich durch, wenn man einer solchen Herausforderung gegenübersteht, bei der man quasi bei Null anfängt?
Wir haben uns ganz einfach auf die Kompetenz der Bevölkerung gestützt. Anfangs warben wir ungefähr ein Dutzend kambodschanische Handwerker aus verschiedenen Bereichen an: Schuhmacher, Zimmerleute, Schreiner, Schneider etc., und wir wurden alle zusammen von zwei großen Spezialisten auf dem Gebiet der Hilfsmittelversorgung in nur neun Tagen in der Herstellung von Beinprothesen „ausgebildet“. Sehr schnell erzielten wir mit dem neu gewonnenen Wissen, den lokalen Techniken und Materialien Ergebnisse und auch eine funktionsgerechte Qualität.
Wie kam es schließlich zur Gründung der eigenen Organisation?
Wir waren zunehmend davon überzeugt, dass unsere Hilfsangebote unentbehrlich und gegenwartsnah waren und dass man sie in anderen Ländern auf ähnliche Weise anwenden könnte. Wir erhielten schließlich eine Anfrage, für afghanische Flüchtlinge in Pakistan aktiv zu werden. Mein Schwager Claude, der uns inzwischen unterstützte, meine Frau Marie und ich beschlossen also, einen Verein aufzubauen. Dieser sollte eine Struktur zu Gunsten der speziellen Bedürfnisse von Menschen schaffen, die aufgrund von Kriegen, Notsituationen oder chaotischen Verhältnissen im Gesundheitswesen Behinderungen erlitten hatten. Zu diesem Zeitpunkt betrachteten wir unser Projekt als Ergänzung zu den großen Hilfsorganisationen, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass Handicap International als eigenständige Organisation existieren könnte. Dennoch empfanden wir dieses Aufbegehren und das dringende Bedürfnis, das so viele Nicht-Regierungs-Organisationen aus ihren Gründungszeiten kennen, uns zusammenzuschließen, um eine Antwort auf die schreckliche Ungerechtigkeit zu finden, die so vielen Menschen widerfahren ist.