1992 begann Handicap International in Kambodscha mit der Durchführung von Entminungsprogrammen. Schnell entstanden ähnliche Programme in anderen asiatischen und afrikanischen Ländern. Aderito, ein mosambikanischer Mitarbeiter in einem dieser Programme schildert seine Erfahrungen.
Seit Wochen bin ich nun schon von meiner Familie getrennt; die einzige Zuflucht an den Abenden ist im Lager der Entminer von Handicap International, ganz in der Nähe der verminten Bereiche. Heute Abend bedrückt mich die Einsamkeit noch mehr als an den vorangehenden Abenden…
Ich habe noch den beunruhigten Blick meiner drei Kinder vor Augen, als ich sie in meine Arme nahm, bevor ich aufbrach. Und ich las auf dem Gesicht meiner Frau die stumme Frage „Wirst du wieder lebend zurückkehren?“ Diese Frage stelle auch ich mir vor jeder Abreise: Werde ich als Gewinner aus dem Kampf gegen die Minen hervorgehen?

Aderito am Rand eines Minenfeldes mit der Planungstafel für die Räumung © Handicap International
Es ist ein Kampf, den ich führe. Ein Kampf gegen einen unsichtbaren Feind, versteckt und heimtückisch. Er richtet sich gegen Kinder auf ihrem Schulweg, gegen Bauern, die ihr Land bearbeiten, um überleben zu können. Ganz plötzlich erscheint er ihnen mit einem entsetzlichen Geräusch, zermalmt ihre Beine für immer zermalmt, durchsiebt ihre Körper mit Hunderten schmutziger Splitter.
Während meiner Ausbildung lernte ich, mich mit Minen auszukennen, sie zu beherrschen, meine Angst zu zähmen. Aber ich weiß, dass beim kleinsten Fehler, im kleinsten Augenblick der Unaufmerksamkeit eine von ihnen in Form eines pfeilschnellen Blitzes mein Leben auf immer zerstören kann!
Auf den Knien oder auf dem Bauch liegend arbeitet sich jeder von uns auf einem einen Meter breiten Gang voran, in kleinen Abschnitten von 40 cm. Der nächste Entminer hält mindestens 25 m Abstand, damit er bei einem Unfall keine Verletzungen riskiert.
Jedes Mal sind unsere Handgriffe die gleichen: das Gelände genau beobachten, vorsichtig mit einem dünnen Detektionsstab hineintasten, um eventuelle Stolperdrähte zu finden. Dann das Gras in kleinen Mengen abschneiden, mit dem Metalldetektor darübergehen und beim kleinsten Zweifel den verdächtigen Geländeabschnitt im Abstand von 2,5 cm sondieren.

So lange die gefährlichen Gebiete noch nicht geräumt werden konnten, muss die Bevölkerung über die Gefahren aufgeklärt werden, um Unfälle möglichst zu vermeiden. © Handicap International
Das ist langweilig und aufreibend, aber es ist der einzige Weg, das Risiko zu verringern und keine Mine hinter uns zu lassen. 30 Minuten lang darf ich an nichts anderes denken. Vergessen sind meine Frau und meine Kinder! Ich muss mich auf jeden Handgriff konzentrieren. Ich behalte nur meine Angst in mir wie eine Brüstung gegen das kleinste Nachlassen meiner Aufmerksamkeit.
Der Arbeittschritt, in dem ich das Gebiet sondiere, ist der gefährlichste. Beim kleinsten Widerstand macht mein Herz einen Satz. Habe ich gerade eine Mine berührt? Nun lege ich mit tausend Vorsichtsmaßnahmen das Hindernis frei – meistens ist es nur ein Kieselstein – bis zu dem Moment, in dem ich dem Feind gegenüberstehe, den ich suche, und der sich in der Erde verkrochen hat. Als ob er mich erwartete…
Das ist der Moment, in dem wir entscheiden, ob wir die Mine vor Ort sprengen und sich das gesamte Team in Sicherheit bringt. Das ist die ungefährlichste Lösung, aber sie ist z.B. in der Nähe einer Schule oder eines Hauses nicht immer möglich. In diesem Fall muss die Mine aus dem Erdreich herausgeholt, freigelegt und angehoben werden, mit Vorsicht und Präzision, um ihr Feuerherz zu erreichen und zu entschärfen. Die Mine verzeiht keinen Fehler, fast als ob sie sich bedroht fühlt.
Die Realität dieser Bedrohung brachte sich mir in Erinnerung, als Fernando, einer meiner Kollegen, diesen Handgriff oder diesen Schritt zuviel machte, der auf jeden von uns lauert. Er befand sich hinter mir, als mir die Druckwelle und der Krach der Explosion das Blut gefrieren ließen. Als ich mich umdrehte, lag sein Körper da, leblos, in einer Wolke aus Erde und Rauch…
25 m von ihm entfernt verspürte ich nur einen Wunsch: mich zu beeilen, um ihn zu retten. Aber die Sicherheitsregeln verboten es mir, denn eine Mine ist selten allein. Zuerst forderte ich über Funk Hilfe an, dann legte ich einen Sicherheitsgang frei, um bis zu Fernando zu gelangen. Wir banden ihn ab, um die Blutung zu stillen, und brachten ihn schließlich unter äußerstem Zeitdruck in das Gesundheitszentrum.
Wir hatten alle Angst, es könnte zu spät sein, aber Fernando kam mit einem fehlenden Finger und einigen garstigen Beinverletzungen davon. Die Schutzkleidung, die wir tragen, hatte ihn vor dem Schlimmsten bewahrt.
Heute weiß ich gut, dass dieser Beruf, den es übrigens gar nicht geben sollte, nichts Heroisches hat. Aber man braucht eben jemanden, der diese Arbeit macht: Es ist eine absolute Notwendigkeit. Daher sage ich mir, dass ich nur ein Mann bin wie alle anderen, umgeben von einem Team, das für das Leben kämpft, für den Frieden und für die Kinder. Wenn es mir gelingt weiterzumachen, dann deswegen, weil es an meiner Seite Euch alle – die Freunde von Handicap International – gibt, die ich nicht kenne, die mir aber die Mittel zur Verfügung stellen, um handeln zu können. Wenn ich an Euch alle denke, fühle ich mich nicht mehr allein.