Während des Kosovokrieges 1999 schreibt Handicap International Mitarbeiter Angelo Puggioni über seine Arbeit in albanischen Flüchtlingslagern.
"Seit ich zum ersten Mal einen Fuß in diese Stadt setzte, habe ich verschiedene Lager und Aufnahmestationen besucht, und mir wurden die kolossalen Schwierigkeiten bewusst, die ein solcher Flüchtlingszustrom für eine Stadt wie Tirana bedeutet, die bereits so verfallen ist. Meine Aufmerksamkeit galt besonders zwei Lagern: Eines war in einer ehemaligen Metallfabrik untergebracht, in dem zu diesem Zeitpunkt 600 Flüchtlinge wohnten, das sich aber bald auf eine Größe von über 700 Flüchtlingen ausweiten sollte. Ein anderes, kleineres Lager, in dem 150 Menschen wohnten, befand sich mitten im Zentrum in einem leer stehenden Möbelladen, den der aus dem Kosovo stammende Besitzer zur Verfügung gestellt hatte.

Flucht: Das Leben gerät aus den Fugen © Handicap International
Wir wollen Kindern und Erwachsenen ermöglichen, aus der Untätigkeit herauszukommen und sich in einem Projekt zu engagieren. Der Kontakt ist sehr einfach: Die Menschen brauchen Begegnungen und Austausch. Zurzeit treten Lehrer, vor allem Grundschullehrer, am aktivsten auf. Obwohl man das nicht denken würde, leiden doch die Kinder sehr unter der Schulunterbrechung. Der Besuch eines Grundschullehrers in einer Aufnahmestation, in der er einige seiner Schüler wieder traf, war ein besonders bewegender Moment. Auf die inständige Frage der Kinder „Wann fängt die Schule wieder an?“ konnte der Lehrer nur mit Tränen antworten. Ein kleines, siebenjähriges Mädchen sagte, was sie am meisten bereue, sei die Tatsache, dass sie ihr Haus ohne ihren Schulranzen verlassen hatte.
Die ganze Arbeit zur Wiederherstellung eines annähernd organisierten Lebens in den Lagern stößt momentan aufgrund enormer logistischer Schwierigkeiten an ihre Grenzen. Unaufhörlich kommen neue Flüchtlinge an. Deshalb werden wir ab morgen beginnen, ein Zelt aufzubauen.
Die kosovarischen Familien sind sehr gastfreundlich. Für sie ist es sehr wichtig, eine Tasse Kaffee anbieten zu können und über ihr Leben dort, im Kosovo, zu sprechen. Das Bild der Flüchtlinge auf ihren Traktoren ist ohne Zweifel medienwirksamer als das Bild, dem ich oft gegenüberstehe, wenn ich unter ein Zelt trete oder mich in einem Schlafsaal auf den Rand eines Lagerbettes setze: Familien, die gut bestückte Bibliotheken, Computer, Autos, Fotoalben zurückgelassen haben – ein ganzes Leben, das dem unseren so seltsam ähnelt. Materiell gesehen, kann alles wieder aufgebaut werden. Aber jenseits der sozialen Differenzen ist es die ganze Identität eine Volkes, die zerstört wurde.
Eines Tages saß ich mit einem ehemaligen Mathemathikprofessor, einer jungen Physiotherapeutin und einem 35-jährigen Geschäftsführer eines Unternehmens bei einer Tasse Kaffee. Wir betrachteten Kinderbilder, die am Vortag entstanden waren. Ein Bild, das ein in Flammen stehendes Haus inmitten von Blumen in den lebhaftesten Farben darstellte, gehörte der sechsjährigen Tochter des Letztgenannten. „Am schlimmsten ist es, wenn mich meine Kinder fragen, warum wir hier sind. Ich weiß nicht, was ich ihnen antworten soll. Ich sage, dass wir Ferien machen“, sagt er mir. Vielleicht ist es ja besser, zu glauben, dass 'das Leben schön' ist."