Einen Raum des Vertrauens schaffen

Victor Mondeh-Gbegba ist Leiter eines zehnköpfigen Teams psychosozialer Betreuer von Handicap International, das seit 2006 in Sierra Leone mit Straßenkindern arbeitet.

"Ich habe immer gern mit Kindern gearbeitet und deshalb vor dem Krieg eine Ausbildung als Sozialarbeiter gemacht. 1998, im Alter von 32 Jahren, wurde ich von Rebellen entführt und gefoltert. Nach einem einmonatigen Krankenhausaufenthalt fand ich Zuflucht in einem Flüchtlingslager in Waterloo, in der Nähe von Freetown. Dort lernte ich Handicap International kennen. Die Organisation warb psychosoziale Betreuer an, und da meine Ausbildung und meine Erfahrung mit ihrem Bedarf übereinstimmten, wurde ich eingestellt. Die Anfänge waren schwierig. Mit dem Leid der anderen konfrontiert, tauchte mein eigenes wieder auf. Zum Glück bemerkte Valérie, eine Psychologin im Team, mein Problem. Ich machte mit ihr Therapiesitzungen, die mir sehr viel brachten, denn die Gefühle der Wut und der Rache sind verschwunden.

Theater, Spiele, Tanz...

Theater, Spiele, Tanz... © K. Pessimah/Handicap International

Im Lager nehmen wir Menschen aller Altersklassen auf: traumatisiert, häufig amputiert. Neben therapeutischen Maßnahmen organisieren wir Gruppengespräche, Aktivitäten unter freiem Himmel, Theaterkurse, Spiele… Ziel ist es, für diese Menschen einen Raum des Vertrauens und der Sicherheit zu schaffen, damit wir sie dahin geleiten können, über ihre Geschichte zu sprechen, ihre Vergangenheit anzunehmen und in die Zukunft planen zu können. Ich möchte das Beispiel dieses jungen Mädchens anführen, dem beide Hände amputiert worden waren. Bis zu dem Tag, an dem sie an einer Theatergruppe für Jugendliche teilnahm, in der die Teilnehmer ein Rollenspiel machen sollten, versteckte sie immer ihre Stümpfe in den Aufschlägen ihres Kleides. Alle gaben sich zur Begrüßung die Hand. Am Anfang war sie sehr zögerlich, dann, nach und nach, versuchte sie nicht mehr, ihre Stümpfe zu verstecken.

Seit 2002 hat sich die Arbeit stark verändert: Die Flüchtlingslager wurden geschlossen, die Flüchtlinge kehrten in ihre Gemeinschaften zurück, aber viele Kinder wussten nicht, wohin sie gehen sollten, und wurden zu Straßenkindern. Durch den Krieg haben sie jeglichen Kontakt zu ihren Familien verloren. Sie sind Waisen oder ehemalige Kindersoldaten, die aufgrund ihrer Taten verstoßen wurden.

Eine Mitarbeiterin von Handicap International

© Handicap International

Also eröffnete Handicap International zwei Zentren, eines in Freetown und eines in dem Fischerdorf Goderich. In diesem Dorf haben die Kinder im Umfeld der Fischer nicht nur Jobs gefunden, sondern auch ein Gefühl der Sicherheit, das sie in der Hauptstadt, in der sie für ihr Überleben betteln gehen mussten, nicht kannten. Es ist schwierig, Kontakte mit ihnen aufzubauen, denn sie fürchten die Erwachsenen, die sie oft missbraucht und misshandelt haben. Wir arbeiten auch an der Beziehung zu ihren Familien und versuchen, sie wieder mit ihren Angehörigen zusammenzubringen. Die verschiedenen Schritte, die ein Kind zu seiner Familie zurückbringen, sind sehr heikel, aber wenn man es dann geschafft hat, ist es eine große Befriedigung.

Seit zehn Jahren setzt Handicap International mit der psychologischen Hilfe eine wichtige Arbeit in die Tat um. Vor dem Krieg gab es im ganzen Land nur einen Psychiater und zwei Psychatriekrankenschwestern für fünf Millionen Einwohner. Das Ende des Krieges bedeutet nicht das Ende des Traumas. Am Ende des Krieges hat die internationale Staatengemeinschaft viele Versprechen gemacht. Dennoch schrumpft die internationale Hilfe immer mehr und wir fürchten, dass die Unterstützung der Opferhilfe einschläft."

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