So geht es den Menschen, die auf einmal in Schulen wohnen

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Seitdem der Hurrikan Matthew Haiti verwüstete, mussten 180.000 Menschen Zuflucht in Notunterkünften finden. Nun warten sie auf eine baldige Lösung, um umgesiedelt zu werden. In der größten Stadt im Südwesten Haitis, Les Cayes, haben Dutzende obdachloser Familien die Klassenzimmer des Philippe Guerrier Gymnasiums in provisorische Schlafsäle verwandelt. Wir haben mit ihnen über ihre Erlebnisse gesprochen.  

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Ein Mitarbeiter von Handicap International sitzt mit einer älteren Dame mit weißem Haar auf einer Schulbank in den Klassenräumen des Gymnasiums
Ein Mitarbeiter von Handicap International sitzt mit einer älteren Dame mit weißem Haar auf einer Schulbank in den Klassenräumen des Gymnasiums
Das Team von Handicap International mit Méralia Simon, 90 Jahre, die im Gymnasium in Les Cayes Zuflucht gefunden hat.

Infolge des Hurrikans Matthew haben die uniformierten Schülerinnen und Schüler des Philippe Guerrier Gymnasiums im Zentrum von Les Cayes, der größten Stadt des südwestlichen Haitis, ihre Schulbänke geräumt. Dafür halten sich nun Dutzende Familien aus den benachbarten Gegenden in den Schulgebäuden auf, um dort Zuflucht zu finden. Diese einfallsreichen Menschen versuchen, das Beste aus den Räumlichkeiten zu machen, die ihnen in dieser schweren Zeit zur Verfügung gestellt wurden.

Da sie keine Matratzen zur Hand haben, haben sich einige Mütter Schultische in Betten umgebaut, während ihre Kinder völlig sorglos im Schulhof unter der brennenden Sonne spielen. Die Balkone nutzen die Menschen dafür, ihre bunten Kleidungsstücke zu trocknen. Sie bilden einen eindrucksvollen Kontrast zu den kalten, weiß getünchten Schulwänden, vor denen sie hängen. Eine der Familien hat sogar einen alten Schulbus so hergerichtet, dass er ihr nun als Wohnung dient.

In den Klassenzimmern versuchen die vertriebenen Einwohner und Einwohnerinnen ein bisschen zur Ruhe zu kommen, so gut es eben geht. Angesichts der Notlage, in der sie jetzt leben, ist es ihnen unmöglich, den Hurrikan zu vergessen. Ihre Häuser wurden bei der Katastrophe zerstört. Doch immerhin sind alle froh darüber, jetzt in Sicherheit und gesund zu sein.

 

„Wir hatten Angst um unser Leben!“

Marie-Ange Descote, 40 Jahre alt, trägt einen frischen Gips um ihr linkes Bein. Sie sitzt vor einem der Klassenräume im ersten Stock, als sie uns erzählt: „Ich rutschte aus und verletzte mich, als ich während des Sturms in die Notunterkunft gehen wollte. Da war so viel Wind und Schlamm… Ich schaffte es dann irgendwie, bis zur Schule zu kommen, und wurde im Krankenhaus operiert.“

Ihre Tochter Ansa sieht zu ihrer Mutter herüber, als diese nicht ohne Reue zugibt, dass sie schon früher in die Unterkunft hätte gehen sollen. „Es war schon öfter mal Alarm geschlagen worden, aber bisher hatte es nie wirkliche Schäden gegeben. Ich dachte, dieses Mal wäre es genauso, ich dachte, dass ich mir keine Sorgen machen müsste… doch diesmal waren wir zu Tode erschreckt und hatten Angst um unser Leben!“

 

Vorsorgliche Evakuierung von besonders Schutzbedürftigen

Im Erdgeschoss liegt Jonas Cazeau, 30, auf einem der einzigen Betten im ganzen Gebäude und liest lautlos in seiner Bibel. Dieses „Privileg“ verdankt er dem Umstand, dass er eine Behinderung hat. Infolge eines „Vorfalls“, wie er es nennt, erlitt Jonas eine Verletzung und kann seine Beine nicht mehr benutzen. Seither verwendet er einen Rollstuhl, um sich fortzubewegen, was in seiner Nachbarschaft von La Savane keine einfache Aufgabe ist – die Straßen befinden sich in einem furchtbaren Zustand.

„Ich hatte gar keine Wahl. Die Bediensteten des Zivilschutzes holten mich am Montag [3. Oktober] ab und brachten mich hierher, weil ich zu schwach war“, erklärt er uns. „Der Hurrikan war erschreckend, doch wir waren hier in Sicherheit, auch meine Mutter und meine Freundin… Mein Haus ist zerstört und ich weiß nicht, wie lange ich hier bleiben werde.“

Im Klassenraum nebenan hat Méralia Simon, 90 Jahre alt und mit Haaren so weiß wie ihr Kleid, Zuflucht gefunden. Auch sie wurde vorsorglich von den Bediensteten des Zivilschutzes hierher gebracht. Im Gegensatz zu Jonas ist sie komplett auf sich gestellt, ohne Familie oder Nachbarn, die sich um sie kümmern könnten.

„Ich bin taub und habe nicht einmal mitbekommen, was passierte.“

In der Nacht des Hurrikans konnte sie nichts hören. Wie andere Menschen, die im Philippe Guerrier Gymnasium Zuflucht suchten, weiß sie nicht, wohin sie gehen soll und hat wenig Hoffnung, bald ein neues Zuhause zu finden. Sie beginnt, uns die Namen jedes einzelnen Zyklons und Hurrikans aufzuzählen, die in den letzten 50 Jahren auf Haiti trafen und die sie miterlebt hat – ohne dabei auch Matthew auf ihrer langen, langen Liste zu vergessen.

Veröffentlicht am 14.10.16

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