Die Situation behinderter Flüchtlinge in Unterkünften

Als Ehrenamtliche beteiligte sich die Rollstuhlfahrerin Nadja Rügamer an den Vorbereitungen für eine Ausstellung, die ComIn zusammen mit dem Münchner Flüchtlingsrat erstellt hat. Es geht um die Situation behinderter Flüchtlinge in mehreren Münchner Unterkünften im Blick auf Barrieren, soziale Integration, Pflege und Versorgung. Zum Europäischen Protesttag der Menschen mit Behinderungen am 4. Mai 2005 auf dem Münchner Marienplatz wurden die Bilder und Texte erstmals gezeigt. Seither kam die Ausstellung zu weiteren Anlässen immer wieder zum Einsatz. 

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Eine Frau nutzt den Rollstuhlaufzug vor dem alten ComIn-Büro.
Eine Frau nutzt den Rollstuhlaufzug vor dem alten ComIn-Büro.
Eine Frau nutzt den Rollstuhlaufzug vor dem alten ComIn-Büro. So sollte Barrierefreiheit aussehen!

Text: Nadja Rügamer

Kochen als akrobatische Leistung

Beim Besuch mehrerer Flüchtlingsunterkünfte in München und bei Interviews mit den BewohnerInnen stellten wir fest, dass die Bedürfnisse der behinderten Flüchtlinge nur unzureichend berücksichtigt werden. Besonders auffallend war, dass die Gebäude selbst und ihre Einrichtungen völlig an den einfachsten Bedürfnissen dieser BewohnerInnen vorbeigehen: So machen es die Gemeinschaftsküchen vieler Unterkünfte RollstuhlnutzerInnen unmöglich, sich selbständig Essen zuzubereiten, weil die Herdplatten extrem hoch sind. Kochen kann hier für RollstuhlfahrerInnen oder auch kleinere Menschen zu einer gefährlichen Aktion werden, wenn sie z. B. heiße Töpfe oder Pfannen herunternehmen und in ihre Zimmer transportieren müssen. Auch ein Badezimmer zu nutzen, kann äußerst schwierig werden: Die Türen sind meistens zu eng für einen Rollstuhl, also sind die Betroffenen auf die Hilfe anderer Flüchtlinge angewiesen oder auf Pflegepersonal – sofern vorhanden. In manchen Unterkünften kommt es sogar vor, dass Treppenstufen am Eingang es für RollstuhlfahrerInnen unmöglich machen, ihre Zimmer eigenständig zu erreichen.

Zu den ohnehin schwierigen räumlichen Bedingungen kommt oftmals hinzu, dass sich vier Personen einen Raum von ca. 16 Quadratmetern teilen müssen. Nur gelegentlich wird den BewohnerInnen im Rollstuhl mehr Platz zugestanden, in wenigen Unterkünften bekommen sie einen eigenen Raum. Bei der Zusammenstellung der Essenspakete, die Flüchtlinge in Bayern anstelle von Geld erhalten, wird oft keine Rücksicht auf kulturelle Essgewohnheiten genommen. So wird manchmal sogar Schweinefleisch an Muslime oder Produkte, die Laktose beinhalten, an asiatische Flüchtlinge ausgegeben, die diese Nahrungsmittel [oft] nur schlecht verdauen können.

Was ich in jeder Unterkunft positiv erfahren habe, ist der Zusammenhalt zwischen den BewohnerInnen und die Gastfreundschaft. Es wäre wirklich wünschenswert, die Lebensumstände von Flüchtlingen so zu verbessern, dass ein menschenwürdigeres Leben gewährleistet ist.

Unsere Ausstellung soll deshalb die dringend notwendige Öffentlichkeitsarbeit im Namen der sonst unsichtbar bleibenden behinderten Flüchtlinge leisten. Auch die Flüchtlinge selbst, mit oder ohne Behinderung, ergreifen immer mehr die Initiative, um ihre Belange an die Öffentlichkeit zu tragen: So verweigerten die BewohnerInnen einer Münchner Unterkunft im Mai ihre Essenspakete. Sie wollten damit deutlich machen, dass die oft willkürlich zusammengestellten Rationen völlig an ihren gesundheitlichen oder religiösen Grundbedürfnissen vorbeigehen – und darüber hinaus die öffentlichen Haushalte stärker belasten als die früher üblichen Geldzahlungen.

Veröffentlicht am 01.07.05

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Ricarda Wank steht Ihnen gerne zur Verfügung.

Projekt ComIn
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Fax: 089 / 54 76 06 20

E-Mail: rwank(at)handicap-international.de

Das Projekt ComIn wird durch die Stadt München gefördert.

Das Projekt ComIn wurde 2006 mit dem Preis Münchner Lichtblickeausgezeichnet.

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