Hungersnot: Fragen und Antworten

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Eine schwere Nahrungsmittelkrise ist in Ostafrika, Nigeria und im Jemen weiter auf dem Vormarsch. In diesem Interview erklärt Xavier Duvauchelle, Programmbeauftragter für Ostafrika bei Handicap International, das Ausmaß der Katastrophe und wie unsere Teams vor Ort helfen.

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Das Bild zeigt ein somalisches Kind vor den Zelten seines Flüchtlingslagers
Das Bild zeigt ein somalisches Kind vor den Zelten seines Flüchtlingslagers
Aus unserem Bildarchiv: Somalische Flüchtlinge in Kenia, 2011

Die Vereinten Nationen haben betont, dass diese Krise von beispiellosem Ausmaß ist. Was heißt das für die humanitären Organisationen vor Ort?

Xavier Duvauchelle:  “Es ist schwierig, den momentanen Umfang der Notlage in der Region zu begreifen. 20 Millionen Menschen im Südsudan, Somalia, Jemen und Nigeria sind einer heiklen Nahrungsunsicherheit ausgesetzt. Das ist eine erschütternde Zahl – sie entspricht einem Drittel der Bevölkerung Frankreichs! Monatelang hat jeder dieser 20 Millionen Menschen täglich versucht, ausreichend Lebensmittel zu finden, um sich und seine geliebten Menschen am Leben zu halten. Es ist eine Tragödie, dass in einigen Gebieten bereits Menschen am Hunger und den damit verbundenen Krankheiten sterben.

Unsere Teams in Ostafrika sind ernsthaft besorgt, weil wir uns alle an die Nahrungskrise von 2011 erinnern, die 271.000 Leben gekostet hat. Die aktuellsten Statistiken und unsere eigenen Erfahrungen vor Ort legen nahe, dass wir nun einer wesentlich größeren Krise gegenüberstehen. Ich würde sagen, dass wir ohne eine drastische Intervention viel menschliches Leid erfahren werden, das es in dieser Größenordnung in den letzten 70 Jahren nicht gegeben hat.“

Bedeutet die Nothilfe in einer Nahrungsmittelkrise einfach, dass Lebensmittel verteilt werden?

“Wir wissen, dass Krisensituationen manche Menschen stärker beeinträchtigen als andere, und dass bestimmte Menschen schnell extrem schutzbedürftig werden können. Wenn die Nahrung knapp ist, sind ältere Menschen, Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, Babys und schwangere Frauen am meisten dem Risiko von Unterernährung und anderen Komplikationen ausgesetzt. Nehmen wir als Beispiel Menschen, die Probleme mit ihrer Mobilität haben. Diese Personen haben es wesentlich schwerer, ihre Heimat zu verlassen und lange Strecken zurückzulegen, und sie müssen vielleicht ihre gesamten Ersparnisse für den Transport ausgeben. Bei der Flucht werden sie häufig von den Leuten aus ihrer Gemeinde getrennt, die wissen, wie man ihnen hilft oder sie angemessen versorgt. Sobald sie in Sicherheit sind, können sie meist nicht lange Zeit Schlange stehen, um Nahrungsmittelhilfe zu erhalten oder Wasser zu pumpen und zu tragen.

Handicap International versteht die Bedürfnisse von schutzbedürftigen Menschen in Krisensituationen. Unsere Expertise ist wertvoll für unsere Partner und für die Koordination der humanitären Hilfe. Wir führen einfache, aber effiziente Anpassungen durch, etwa um sicherzugehen, dass Wasserquellen von Menschen mit eingeschränkter Mobilität genutzt werden können. Wir bilden Hilfskräfte aus, damit sie Menschen mit speziellen Bedürfnissen erkennen und unterstützen können. Es ist lebenswichtig, dass die meist gefährdeten Menschen nicht vergessen oder zurückgelassen werden.“

Bei 20 Millionen gefährdeten Menschen, wie setzen Sie die Prioritäten in Ihren Aktivitäten?

„Die Bedürfnisse und Herausforderungen in jedem Land sind sehr unterschiedlich. Daher bewerten wir unseren Einsatz auf Basis des größten Bedarfs und in Koordination mit anderen. In den letzten Monaten etwa haben wir einen beispiellosen Anstieg von Flüchtlingen aus dem Südsudan gesehen, die sich im Norden Ugandas und im Westen Äthiopiens ansiedeln. Wir sind besonders besorgt über die Zahl der Kinder unter fünf Jahren, die in einem Zustand akuter Unterernährung hier ankommen. Diese Kinder unterliegen einem extrem hohen Infektionsrisiko und ihr Wachstum und ihre kognitive Entwicklung können sich verzögern. Aus diesem Grund haben wir finanzielle Mittel für die Nothilfe angefordert, um ein physisches Stimulationsprogramm in der Gegend zu starten. Wir werden speziell ausgebildete Fachkräfte für Physiotherapie bereitstellen, die in Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fachkräften sicherstellen, dass jedes betroffene Baby und jedes Kind die besten Chancen auf eine vollständige Genesung hat.“

Handicap International ist eine der wenigen NGOs, die im Südsudan vor Ort sind. Wie sind die Lage und Ihre Arbeit vor Ort?

„Die Lage im Südsudan ist momentan extrem gefährlich und alle humanitären Gruppen sind enormen Sicherheitsrisiken ausgesetzt, um die Menschen in Not zu erreichen. Straßen sind unter bestimmten Verhältnissen unpassierbar, und bewaffnete Gruppen stellen eine echte Bedrohung für humanitäre Helfende dar.

Um in dieser sich ständig ändernden Situation Hilfe zu leisten und so viele Gebiete wie möglich zu erreichen, betreibt Handicap International ein ‚mobiles Team‘. Dies ist ein Team von Expertinnen und Experten verschiedener Bereiche wie Rehabilitation und psychosoziale Unterstützung. Sie sind in der Lage, Flüchtlingslager zu besuchen und mit anderen Organisationen zusammenzuarbeiten. Trotz der Herausforderungen kann unser Team so Menschen in Notsituationen erreichen und ihnen angemessene Hilfe leisten. Sie versorgen Menschen mit Mobilitätshilfen und sorgen für einen gerechten Zugang zu Nahrungsmitteln, Wasser und medizinischer Fürsorge. Durch ihre Arbeit leisten sie einen wichtigen Beitrag für Menschen, die ihrer Heimat entrissen wurden.“

© Camille Lepage / Handicap International. Bildarchiv: Flüchtlingslager in Juba, Südsudan, 2014.   

Auf Basis Ihrer Erfahrungen und aktueller Einschätzungen in den betroffenen Ländern – wie schätzen Sie die Zukunft dieser Krise ein?

„Aus verschiedenen Gründen scheint klar zu sein, dass die Situation sich in den nächsten Monaten verschlechtern wird. Erstens hat am Horn von Afrika gerade mit wochenlanger Verspätung die zweite Regenzeit begonnen. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Regenzeit für ausreichende Nahrungsmittelproduktion ausreicht.

Zweitens ist Konflikt einer der Hauptgründe für die Nahrungsmittelknappheit. Hunderttausende Menschen fliehen vor Gewalt im Südsudan, Somalia und Nigeria. Diese Menschen haben ihr Land, ihre Tiere und ihre Arbeit zurückgelassen, was bedeutet, dass sie weder ihre eigenen Nahrungsmittel produzieren noch Einkommen generieren können, um Lebensmittel zu kaufen. Leider gibt es keine Anzeichen, dass diese Kämpfe sich in naher Zukunft beruhigen, was bedeutet, dass eine enorme Anzahl nahrungsabhängiger Personen vertrieben wird. Zum Beispiel wird erwartet, dass bis Ende 2017 eine Million Flüchtlinge aus dem Südsudan in Uganda Zuflucht suchen werden.

Und schließlich wird sich die Situation wahrscheinlich verschlechtern, weil die internationalen Reaktionen zu langsam waren. Wir haben seit vielen Monaten von diesen Entwicklungen und Risiken gewusst, doch die Krise hat nicht genügend öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Die Vereinten Nationen haben im März Hilfsgelder in Höhe von 4,4 Milliarden US-Dollar angefordert, doch bisher wurden nur 21% davon gesammelt. Das mag wie ein entferntes oder politisches Problem erscheinen, doch um es ganz klar zu stellen: Ohne diese Gelder für die Nothilfe werden viele Menschen ihr Leben verlieren.“

Auszüge eines Interviews mit Xavier Duvauchelle, Programmbeauftragter für Ostafrika und südliches Afrika, vom 19. April 2017

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am 20.04.17

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