Irak:"Die Flüchtlinge rannten uns buchstäblich die Tür ein"

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Camille hat drei Monate lang für Handicap International als Projekt Managerin im irakischen Kurdistan gearbeitet. Die Arbeit mit den Vertriebenen war ihr erster Nothilfe-Einsatz.

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Dichtgedrängt wohnen die Flüchtlinge in Gemeindezentren und anderen leergeräumten Gebäuden
Dichtgedrängt wohnen die Flüchtlinge in Gemeindezentren und anderen leergeräumten Gebäuden
Die Vertriebene rannten uns buchstäblich die Tür ein. Überall in der Stadt waren Leute. Die Familien waren in Schulen, Moscheen, den Kirchen und natürlich auf der Straße.

Als Camille, 28 Jahre alt, den Hilfseinsatz im Norden des Iraks annahm, kannte sie das Land bloß aus den Medien. Als ihr Flugzeug nach Erbil (Kurdistan) abhob, erfasste sie Furcht. „Ich realisierte erst wohin ich ging, als ich im Flugzeug saß. Unmittelbar nach der Landung hatte ich meinen ersten Kulturschock: der Flughafen war sehr modern, ganz anders als ich es in einem Krisengebiet erwartet hatte.“

Camille fand sich in einer hochentwickelten Stadt wider, ähnlich einem westlichen Ballungsraum, wo es wenig Anzeichen eines internationalen Konflikts oder einer humanitären Krise gab. Doch als sie in den Flüchtlings- Camps in Erbil und Dohuk arbeitete, begann sie das Ausmaß der Krise und die tatsächliche Anzahl der Flüchtlinge zu begreifen.

Während einer solchen Notsituation ist es eine der Prioritäten von Handicap International, Menschen mit Behinderung, schwer Verletzte und chronisch Kranke ausfindig zu machen.  Die mobilen Teams der Organisation besuchen die Camps und Gemeinden, gehen von Zelt zu Zelt und von Haus zu Haus, um besonders schutzbedürftige Menschen zu finden und ihnen die angemessene Hilfeleistung zu vermitteln. Falls nötig, transportieren die mobilen Teams die am schwersten Verletzten zu einem lokalen, ihrer Pathologie entsprechendem Pflegedienst. Außerdem verteilt die Organisation Mobilitätshilfen, wie Rollstühle, Krücken und spezifische Materialien, wie Antidekubitusmatratzen (zur Vorbeugung  des Wundliegens) etc. Manche Flüchtlinge mussten ihre Häuser sehr plötzlich verlassen und hatten keine Zeit, die Dinge, die sie benötigten, einzupacken.     

 „Die Arbeitsbedingungen sind hart und die Nächte kurz“, erzählt Camille. „In einer Notsituation hat man keine Zeit sich zu erholen, die Teams müssen sehr früh anfangen aufgrund der aufkommenden Hitze (bis zu 50°C) und weil die externen Gesundheitsdienste nur morgens geöffnet haben.“ Zumindest sind die Beziehungen zu den Flüchtlingen gut.

 Ab dem sechsten August verschlechtert sich die Situation zusehends, aufgrund des Vorrückens der bewaffneten Oppositionsgruppen. Innerhalb von zwei Tagen hatte die irakische Bevölkerung Panik erfasst  und mehr als 400.000 Flüchtlinge kamen in Dohuk an, mindestens 200.000 in Erbil.

 “Die Vertriebene rannten uns buchstäblich die Tür ein”, sagt Camille, “überall in der Stadt waren Leute. Die Familien waren in Schulen, Moscheen, den Kirchen und natürlich auf der Straße. Wir konnten die Ernüchterung und die Enttäuschung auf ihren Gesichtern sehen. Die meisten, die ankamen, waren mit ihrer ganzen Familie unterwegs, Menschen die ein gewöhnliches Leben hatten, einen Beruf, ein Haus- sie haben alles innerhalb weniger Stunden verloren.“

In einem Bezirk wurden alle 644 Schulen in Notunterkünfte für Flüchtlinge umfunktioniert. Camps werden errichtet, um diese Vertriebenen umzusiedeln und die Schulen wieder öffnen zu können.
“Die Flüchtlinge können zwar Essen und einen Schlafplatz bekommen”, erklärt Camille, „aber der Zugang zu spezifischen Dienstleistungen stellt ein Problem dar. Deshalb ist die Rolle von Handicap International so wichtig, weil unsere Arbeit so spezifisch ist, extra darauf ausgelegt, die besonders Verletzlichen zu unterstützen. Ich werde nie vergessen, wie ich einen Mann traf, der amputiert wurde. Er war verzweifelt, weil er nicht mehr laufen konnte. Wir konnten ihm mit einer Prothese weiterhelfen und ich war dabei, als er sie zum ersten Mal ausprobierte. Er war überwältigt davon, wieder stehen zu können.

Es war ein sehr schwerer und bedrückender Einsatz, aber ich habe die Befriedigung zu wissen, dass ich Teil einer effizienten und relevanten Aktion war; trotz der operationellen Schwierigkeiten und dem Mangel an Ressourcen in einer äußerst angespannten Situation. Jetzt mache ich erstmal eine Pause, aber ich werde bald auf die nächste Mission gehen.“

Veröffentlicht am 08.10.14

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