Frühlings Erwachen

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Verleugnet, versteckt oder gleich nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen – so erging es bislang vielen Marokkanern mit Behinderungen. Doch seit dem Arabischen Frühling sind Veränderungen wahrzunehmen, denn der Staat bekennt sich zur Inklusion. Eindrücke von einer Projektreise mit der Hilfsorganisation Handicap International.
Von Gregor Jungheim

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Projektbesuch in Marokko. Zwei Jungen im Rollstuhl sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Der Linke spielt mit einem großen bunten Würfel. Mit dem rechten Jungen beschäftigt sich eine Frau, die zwischen den beiden Jungen sitzt.
Projektbesuch in Marokko. Zwei Jungen im Rollstuhl sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Der Linke spielt mit einem großen bunten Würfel. Mit dem rechten Jungen beschäftigt sich eine Frau, die zwischen den beiden Jungen sitzt.
Eindrücke von der Projektreise mit Handicap International.

Die Mutter vor dem Schultor lässt sich nicht abwimmeln. Ihr Kind soll mit den anderen Kindern lernen dürfen, auch wenn es eine Behinderung hat. Sie hat gehört, dass dies jetzt möglich sei. Den Direktor bringt die Mutter damit in Verlegenheit. Zwar sind die Schulen im Land seit neuestem angehalten, Kinder mit Behinderung aufzunehmen, jedoch in den wenigsten Fällen darauf eingerichtet. Das Problem ist dabei weniger geistige, sondern eher Körperbehinderung, denn die meisten Lehranstalten sind nicht barrierefrei.

Szenen wie diese spielen sich aktuell überall in Marokko ab. Doch auch wenn sie für die Betroffenen oft unbefriedigend ausgehen, ist dies schon ein Riesenfortschritt.

„Obwohl jede vierte Familie im Land ein behindertes Familienmitglied hat, galt eine Behinderung lange Zeit als Schande“, berichtet Baala Mohamed, Repräsentant des marokkanischen Bildungsministeriums. „Die Kinder wurden versteckt und verleugnet. Hatten die Eltern mehrere Kinder, widmeten sie ihre Aufmerksamkeit ganz dem gesunden Nachwuchs.“ Ja es soll sogar verbreitet gewesen sein, dass sich Männer von ihrer Frau scheiden ließen, wenn sie ein Kind mit Behinderung zur Welt brachte. Auch wird es toleriert, wenn Mütter diese Kinder nach der Geburt im Krankenhaus zurücklassen. Ebenso wie es verbreitet ist, gesunde Neugeborene nicht mit nach Hause zu nehmen, wenn die Mutter unverheiratet ist oder ihr Baby nicht versorgen kann.

Doch glücklicherweise ändert sich seit dem Arabischen Frühling von 2011 allmählich die Lebenssituation der Betroffenen. Die Regierung des stark monarchistisch geprägten Landes unterzeichnete in jenem Jahr die UN-Behindertenrechts-Konvention. Seither arbeiten auch in den Ministerien Menschen mit Behinderung, was eine wichtige Signalwirkung hat. Weiter hat das Bildungsministerium angekündigt, gemeinsam mit UNICEF und Handicap International die Schulstatuten ändern zu wollen, damit alle Kinder zusammen lernen können.

Der Bedarf ist in jedem Fall groß: Bedingt durch Heirat innerhalb von Familienverbünden und schlechten Zuständen bei der Geburtshilfe leiden 6% der Bevölkerung unter Behinderungen, also rund 2 Mio. Marokkaner.

Vor den staatlichen Reformen waren es vor allem Elterninitiativen, die sich für Menschen mit Behinderungen engagierten. Einer der bekanntesten ist Anaïs. Was wie ein französischer Mädchenname klingt, steht für Association Nationale pour l’Integration des Personnes en Situation du Handicap Mental. Gemeint ist damit eine inzwischen weit verzweigte NPO, die sich der Integration geistig behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt widmet. Sie wurde 1991 von Eltern ins Leben gerufen, deren Kinder unter dem Down-Syndrom litten.

Thomas Schiffelmann von Handicap International posiert mit 5 Jugendlichen für die Kamera.

Besuch eines Projektes der Association Nationale pour l’Integration des Personnes en Situation du Handicap Mental mit Thomas Schiffelmann von Handicap Inernational (rechts im Bild) © Gregor Jungheim.

In den Außenbezirken von Casablanca, der mit rund 3,4 Mio. Einwohnern größten marokkanischen Stadt an der Westküste Landes, liegt Espace Anaïs. Die jeweils zur Hälfte durch staatliche Förderung und private Spenden finanzierte Einrichtung ist eine Mischung aus Schule und Ausbildungsstätte und wurde 2011 mit Unterstützung des Königshauses gegründet. Geistig behinderte junge Menschen können dort eine therapiegestützte Ausbildung als Konditor, Koch, Wäschereifachkraft oder Gärtner machen. „Es ist wissenschaftlich belegt, dass diese Berufe für Menschen mit Down-Syndrom besonders geeignet sind“, sagt die Kommunikations- und Fundraisingverantwortliche Latifa Arsalane. Auch eine Ausbildung zum Goldschmied ist geplant, dafür mangelt es jedoch aktuell an Budget. Anaïs greift auf ein komplexes Förderprogramm zurück, um bereits im Kindesalter zu ermitteln, welche Talente ihre Schützlinge haben und für welche Berufe sie sich eignen könnten. Doch ändern sich die Neigungen, ist es selbst in der Ausbildung noch möglich, den Beruf zu wechseln.

Die Einrichtung Espace Anaïs ermöglicht es Menschen mit geistiger Behinderung eine Ausbildung zu absolvieren © Gregor Jungheim.

Das Ziel der Einrichtung ist, ihre Schüler an Unternehmen aus der Wirtschaft zu vermitteln. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Zwölf Betriebe haben bereits Absolventen von Espace Anaïs übernommen, darunter auch IKEA. In den vergangenen zwei Jahren ist es der NPO gelungen, insgesamt 80 Fachkräfte mit Behinderung in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Auch auf den Bewerbungsprozess werden die Schützlinge intensiv vorbereitet. Ein Nachfolgeprojekt hilft ihnen sogar dabei, eine eigene Wohnung zu finden und einen Haushalt zu führen. Zwar gibt es in Marokko eine mit der deutschen Arbeitsagentur vergleichbare Behörde, jedoch kann diese nicht für Menschen mit Behinderung sorgen. Die Plätze bei Espace Anaïs sind entsprechend begehrt. Die Einrichtung hat das Budget für 300 Kinder und Jugendliche, weitere 400 stehen aktuell auf der Warteliste.

Doch selbstverständlich wird es auch bei optimaler Förderung nicht möglich sein, Kinder mit schweren geistigen Behinderungen so weit zu bringen, dass sie eine Berufsausbildung machen. Das marokkanische Schulsystem sieht deshalb vor, Schüler mit Behinderung zunächst in Integrationsklassen zu unterrichten, um ihre Fähigkeiten auszubilden. Wer Fortschritte macht, wird in eine Inklusionsklasse hochgestuft und nimmt gemeinsam mit nichtbehinderten Schülern am Unterricht teil. Maximal drei Jahre dürfen die Kinder in der Integrationsklasse verbleiben. Wer danach nicht hochgestuft werden kann, wird in anderen Einrichtungen weiter betreut.

Wie diese Förderung aussieht, erfahren wir in Agadir, einem 600.000 Einwohner zählenden Touristenort, der etwa 500 Kilometer südlich von Casablanca liegt. Am Stadtrand, weit außerhalb von Hotelviertel und Strandpromenade, hat das Förderzentrum Centre socio-éducatif pour enfant handicapé seinen Sitz.

Das Centre socio-éducatif pour enfant handicapé © Gregor Jungheim.

Direktor Abidate Abdelouahept, der selbst ein zu kurzes rechtes Bein hat und auf Krücken geht, führt uns durch seine Einrichtung. 120 Kinder und Jugendliche ab vier Jahren mit unterschiedlichen Behinderungsgraden werden hier betreut, lernen und spielen Raum an Raum. In einem kümmert sich eine Mitarbeiterin um Kinder, die an einer Poliokrankheit leiden und ihre Besucher aus Rollstühlen mit speziellen Kindersitzen staunend ansehen. Die Musikanlage spielt derweil ein französisches Kinderlied. Ein paar Räume weiter geht eine Betreuerin immer wieder eine scheinbar einfache Übung durch. Sie hält einem Jungen ein Stück Papier mit drei aufgeklebten grauen Quadraten hin. Er muss nun zeigen, welches davon mit einem Kreuz markiert ist. Das Kind liegt jedes Mal richtig und bekommt großes Lob von der Betreuerin. Die Übung mag simpel anmuten, doch betont Thomas Schiffelmann, Marketingleiter von Handicap International: „Die Kinder müssen erst einmal erlernen, einfachste Dinge ohne die Hilfe der Eltern zu schaffen.“ Wer dies gemeistert hat, trainiert anhand von Geschicklichkeitsspielen seine motorischen Fähigkeiten. Überraschend ruhig ist es in einem weiteren Raum, wo die Betreuten Bilder ausmalen. Hier ist eine Integrationsklasse untergebracht, also Kinder, die eine Schule besuchen können. Am jenem Nachmittag wiederholen und üben sie den Unterrichtsstoff.

In einem Klassenraum zeigt ein Junge auf ein Kreuz, das sich auf einem Blatt Papier befindent, das dem Jungen von einer Frau vorgehalten wird.

Der Junge zeigt jedes Mal auf das richtige Kreuz, wofür er ein großes Lob von der Betreuerin erhält © Gregor Jungheim.

Auch wenn niemand den Wert ihrer Arbeit infrage stellt und auch hier die Warteliste lang ist, steht es finanziell nicht gut um die Einrichtung, die ein Gesamtbudget von umgerechnet 300.000 EUR im Jahr benötigt und seit anderthalb Jahren defizitär arbeitet. Gelder aus einem staatlichen Förderfonds sind bereits zugesichert. Jedoch ist ungewiss, ob dieser tatsächlich aufgesetzt wird und wann die Mittel ausgezahlt werden. Und es gibt noch ein Problem: Nach dem 16. Geburtstag müssen die Schützlinge die Einrichtung verlassen und es ist stets unsicher, was aus ihnen wird. „Erhalten sie keine weitere Förderung, kommt es häufig vor, dass die Jugendlichen die antrainierten Fähigkeiten wieder verlieren“, beklagt der Schuldirektor.

Doch auch wenn viele Träger Finanzierungssorgen haben, es Versorgungslücken gibt und pünktlich zu einer Strukturreform nicht zwingend qualifiziertes Personal bereit stehen wird, um die neuen Aufgaben zu übernehmen – gelingt es, die Schulstatuten wie geplant zu ändern, wird Marokko innerhalb Afrikas führend sein, was die Integration von Menschen mit Behinderung in das Bildungssystem betrifft. Dann bleibt abzuwarten, wieweit mit solchen Reformen auch der Mentalitätswandel in der Bevölkerung weiter vorangeht. Denn dieser lässt sich in keinem Land der Welt staatlich verordnen.

 

Das Land

Das nordafrikanische Königreich Marokko zählt rund 34 Mio. Einwohner. In der Hauptstadt Rabat leben etwa 600.000, in der größten Stadt Caasablanca zirka 3,4 Mio. Menschen. Amtssprachen sind Arabisch und die Berbersprache Tamazight, Französisch wird überall verstanden. Die Südgrenze Marokkos wird auf Landkarten unterschiedlich dargestellt, da der völkerrechtliche Status der Westsahara seit Jahrzehnten umstritten ist. König Mohammed VI. gab während des Arabischen Frühlings von 2011 selbst den Anstoß zu einer Verfassungsreform, durch die er einen Teil seiner Rechte an Parlament und Premierminister übertrug. So ist der König nun verpflichtet, den Regierungschef aus der Partei mit den meisten Parlamentssitzen zu ernennen, zuvor hatte er freie Auswahl. Die Parlamentswahl im Oktober dieses Jahres konnte die Partei von Premierminister Abdelilah Benkirane für sich entscheiden, die aktuell nach Koalitionspartnern für eine Regierungsbildung sucht.

Das Engagement von Handicap International in Marokko

Die in 60 Ländern aktive humanitäre Hilfsorganisation unterstützt in Marokko insgesamt 80 Projekte für Menschen mit Behinderung, darunter alle hier vorgestellten Organisationen. Das Engagement in einer Region beginnt zunächst mit einer Evaluation des Förderbedarfs, im Anschluss finanziert Handicap International Personal- und Sachkosten in Partnerorganisationen und schult die Mitarbeiter im Umgang mit der Klientel. Weiter nutzt sie ihren beratenden Status bei den Vereinten Nationen, um den Partnern zu größerem gesellschaftlichen Einfluss zu verhelfen.

Veröffentlicht am 19.01.17

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