Projekt zur Gewaltreduzierung in Kenia

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Gorrety wagt sich zwischen die Fronten

Zwischen den Völkern der Pokot und Turkana schwelt ein blutiger Kleinkrieg, bei dem gewalttätige Überfälle zum Alltag gehören. Um die Situation zu entschärfen, haben wir in Kenia ein Projekt zur Reduzierung von Waffengewalt ins Leben gerufen. Fotojournalist Till Mayer hat dieses Projekt für uns besucht.

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Gorrety Ajwang von Handicap International im Gespräch mit zwei Kriegern der Pokot.
Gorrety Ajwang von Handicap International im Gespräch mit zwei Kriegern der Pokot.
Gorrety Ajwang von Handicap International versucht zwischen den Pokot und den Turkana zu vermitteln

Die Lage ist angespannt. Sorgenvoll hört Gorrety Ajwang den Kriegern zu:

"Beim nächstem Vollmond könnten wir losziehen, die beiden Toten rächen und ihr Vieh mitnehmen" sagt einer von ihnen.

Gorrety Ajwang von Handicap International und ihr Kollege Paul P. Ngiro von der lokalen Partnerorganisation „Peace&Justice Center“ arbeiten in einem gemeinsamen Projekt zur Reduzierung von Waffengewalt. Es wird im Rahmen des Zivik-Programms mit Mitteln des Auswärtigen Amts finanziert.

Die schwerbewaffnete Fede zwischen Pokot und Turkana fordert ständig neue Opfer © Till Mayer

Sie sind zu Besuch in Tikit. Das aus wenigen Lehmhütten bestehende Dorf befindet sich mitten im Dornengestrüpp. Alles rings herum ist staubtrocken. Die Völker der Turkana und der Pokot leben vom Viehtrieb. Eine andere Lebensgrundlage haben sie nicht. Und da das Vieh knapp ist und die Dürreperioden immer häufiger werden, überfallen sie sich regelmäßig gegenseitig und stehlen das Vieh der jeweils anderen. Dabei kommt es oft zu Toten und Verletzten.
„Die Turkana brauchen ihre Herden genauso zum Überleben wie ihr. So kommt doch keiner weiter“ entgegnet Gorrety den Kriegern.
Ngorokapel, ein erfahrener Krieger der Pokot betont:

„Wir hassen die Turkana nicht, aber wir müssen überleben. Wir tun, was wir tun müssen.“

Erste Erfolge

Dass Gorrety und ihr Kollege überhaupt mit den Kriegern sprechen ist schon ein erster Erfolg. Unterstützt werden sie von Joseph Lonapaluk – ihrem Mittelsmann. Gorrety nennt ihn stolz einen „reformierten Krieger“. Er hat seine Kalaschnikow gegen eine Polizeiuniform und ein registriertes Gewehr eingetauscht. Joseph Lonapaluk, der früher selbst ein gefürchteter Krieger war, versucht nun, andere Krieger davon abzuhalten, auf Raubzüge zu gehen.

 

Joseph Lonapaluk hat das Rauben aufgegeben und unterstützt Gorrety nun dabei, bei den Kriegern seines Volkes Überzeugungsarbeit zu leisten © Till Mayer

Erste Erfolge kann Gorrety bereits vorweisen. So hat sie erreicht, dass mehr und mehr der Väter die Brautpreise für ihre Töchter senken. Der übliche Brautpreis liegt bei 40 bis 50 Kühen und 30 Ziegen. „So viele Tiere kriegen die jungen Männer nur zusammen, wenn sie sich von den Nachbarn nehmen. Sie brauchen dabei Hilfe von anderen jungen Kriegern. Denen stehen sie dann später bei“, sagt Joseph Lonapaluk. Neben dem gesenkten Brautpreis akzeptieren die ersten Väter nun auch eine Ratenzahlung. Gorrety erklärt pragmatisch:

„Das erspart schon wieder einige Überfälle.“

Schon dieser kleine Erfolg war ein harter Weg. „Aber dank dem Zuspruch der Ältesten haben wir es geschafft. Sie sind der Schlüssel, um Erfolge zu erzielen“, meint Gorrety.

Dass die Krieger überhaupt zu Gesprächen mit ihr bereit sind ist ein erster Erfolg für Gorrety © Till Mayer

Rauben um zu Überleben

Dennoch verschlechtert sich die Situation der Hirtenvölker zunehmend. Sie müssen mehr und mehr bezahlen, um ihre Tiere auf den immer weniger werdenden Wiesen weiden lassen zu dürfen.

„Dazu kommt, dass durch den Klimawandel die Dürrezeiten länger dauern. Für die Pokot und Turkana ist es eine Katastrophe, wenn der Regen später kommt und geringer ausfällt“, erklärt Gorrety.

Joseph Lonapaluk macht all das große Sorgen. Der Mann, der aufgehört hat auf Raubzüge zu gehen, wünscht sich einen Ausweg, eine Chance für seine Leute.

„Es ist schwer, die anderen zu überzeugen, das Gleiche zu tun. Denn sie haben keine Alternative. Wenn die Dürre zu lange anhält, stehlen sie Vieh. Ganz einfach, um zu überleben. Das ist alles, was ihnen neben der Holzkohleherstellung bleibt“, sagt er.

Das Vieh – die einzige Lebensgrundlage der Pokot und Turkana – wird aufgrund äußerer Umstände immer knapper © Till Mayer

Einer der Krieger bestätigt:

„Wir würden gerne aufhören mit den Beutezügen. Aber wie sollen wir uns ernähren?“

Nach einer kurzen Pause ergänzt er: „Wir alle sind müde vom Kämpfen. So viele Freunde haben wir verloren. Gebt uns Motorräder, damit wir Händler werden können. Dann gebe ich das hier ab“, sagt er und deutet auf sein Schnellfeuergewehr. Die anderen nicken.

Viele Krieger sind des Tötens müde. Doch sie sehen keine Alternative © Till Mayer

Das Schaffen alternativer Lebensgrundlagen ist die einzige langfristige Lösung

Die Situation ist fatal. Deshalb haben Gorrety und ihre Kollegen überlegt, wie den Menschen hier weiterzuhelfen wäre.  Eine Ausweitung des Projektes ist schon geplant und zusätzliche Mittel werden gesucht. Den Kriegern soll eine echte Alternative geboten werden. Deshalb sollen im Nachfolgeprojekt „reformierte Krieger“ dabei unterstützt werden, sich eine neue Lebensgrundlage ohne Waffengewalt aufzubauen.

In unserem Nachfolgeprojekt soll „reformierten Kriegern“ eine Alternative zur Waffengewalt geboten werden © Till Mayer

Schließlich weiß Gorrety, was getan werden muss, um den Kriegern eine langfristige Perspektive bieten zu können:

„Brunnen müssen gegraben werden, Bewässerungssysteme gebaut werden, um auch Landwirtschaft betreiben zu können. Sie bräuchten Arbeit, die sie ernährt. Schulbildung für ihre Kinder“

Lest hier Till Mayers Reportage über seinen Besuch in unserem Projekt auf Spiegel Online

Veröffentlicht am 02.03.17

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