So kämpfen Menschen mit Behinderung in Somaliland für ihre Rechte

  • Rechte von Menschen mit Behinderung
  • Somaliland und Puntland

Unsere Kollegin Eva Maria Fischer war in Somaliland, um zu erfahren, was Rechte für Menschen mit Behinderung dort bedeuten. Anlass war der 10. Jahrestag der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung im Dezember. Die Konvention war ein wichtiger Ausgangspunkt für viele notwendige Veränderungen weltweit - doch auch heute noch werden Menschen mit Behinderung mehrfach diskriminiert und ihre Rechte regelmäßig verletzt.

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Eva zusammen mit Noura, die im Rollstuhl sitzt, Fatumo und Hamze
Eva zusammen mit Noura, die im Rollstuhl sitzt, Fatumo und Hamze
Unsere Pressesprecherin Dr. Eva Maria Fischer bei ihrem Besuch in Somaliland. Dort hat sie unter anderem Noura getroffen, die im Rollstuhl sitzt.

Hier stellen wir Ihnen einige der Menschen vor, die Eva Maria Fischer unterwegs kennenlernen durfte: :

  • Faisal Mohamad Saed verlor durch einen Blindgänger seinen rechten Unterarm. Dank des Engagements des nationalen Verbands von Menschen mit Behinderung bekam er einen Job bei der Regierung und fordert heute ein Ministerium für Behinderung.
  • Noura Mahmood leitet als Rollstuhlfahrerin eine Farm, fährt Auto und engagiert sich für Gleichberechtigung in der Gesellschaft.
  • Sabaad Ali wurde als 5-jährige angeschossen, dieses Jahr würde die  junge Frau gerne für das Parlament kandidieren.
  • Khadra Ahmed wird gegen Depression behandelt seitdem ihr Mann sie verlassen hat.
  • Die engagierte Physiotherapeutin Fathiha Mohamed Haisin unterstützt sie und viele andere PatientInnen im Rehazentrum des Disability Action Network (DAN).
  • Ali Jama Hassan ist der Direktor von DAN. Er weiß, wie schwierig es ist, Projekte für Menschen mit Behinderung zu finanzieren – dennoch hat er gemeinsam mit Handicap International sehr viel erreicht.

Faisal Mohamad Saed verlor durch einen Blindgänger seinen rechten Unterarm. Dank des Engagements des nationalen Verbands von Menschen mit Behinderung bekam er einen Job bei der Regierung und fordert heute ein Ministerium für Behinderung.

Faisal Mohamad Saed verlor durch einen Blindgänger seinen rechten Unterarm.

Faisal Mohamad Saed verlor durch einen Blindgänger seinen rechten Unterarm © Caroline von Eichhorn / Handicap International

Der Kampf für Rechte und Gesetze ist die eine Sache – der alltägliche Kampf um Anerkennung und eine Veränderung von Einstellungen ist die andere. Und beide sind sehr wichtig. Das betont Faisal Mohamad Saed, ein ernsthafter Mann Anfang 30, der uns im Büro von Handicap International in Hargeisa gegenübersitzt. Er hat den Unterschied sehr bewusst erlebt, wie ein Leben mit oder ohne körperliche Beeinträchtigung verlaufen kann. Er war 11 Jahre alt, als ein Blindgänger, Relikt des gewalttätigen Konflikts in seiner Heimat, in seiner Hand explodierte und ihm den rechten Unterarm abriss und die Sehfähigkeit auf einem Auge fast vollständig zerstörte. Die Splitter, die noch überall in seinem Körper verblieben sind, schmerzen oft sehr, aber seine Familie ist leider zu arm, um immer wieder neue Operationen zu bezahlen. Also hält er durch. Er hat ja schließlich Verpflichtungen. Eine Frau und bisher zwei Kinder. Und immerhin hat er einen Job im Erziehungsministerium. Das wäre früher noch nicht möglich gewesen. Bis 2008 galt eine Regelung, dass Staatsbedienstete körperlich und geistig unversehrt sein müssen. Die wurde gestrichen – nach intensiver Lobbyarbeit vom Dachverband der Menschen mit Behinderung SNDF, dessen Kampagnen Handicap International unterstützt. SNDF hat es auch erreicht, dass Faisal neben anderen einen Job im Ministerium bekam. Damals war die Schaffung zahlreicher neuer staatlicher Stellen geplant, aber zunächst waren Menschen mit Behinderung nicht vorgesehen gewesen. Trotz seines Verwaltungs-Studiums bedeutete die neue Anstellung aber nicht, dass Faisal eine sinnvolle Arbeit bekam. Chef und Kollegen trauten ihm wegen seiner Beeinträchtigung nichts zu. Also begann sein alltäglicher Kampf um Anerkennung, um eine Veränderung der Einstellungen in seiner Abteilung. Dieser Kampf geht weiter – und Faisal möchte auch andere Menschen dazu ermutigen, ihn zu führen. Er gründete gemeinsam mit einigen MitstreiterInnen VEDPA, Voice for Encouragement oft Disabled People Association, eine der 33 Organisationen im SNDF-Dachverband. Ihr hohes Ziel: in der Verfassung Somalilands zu verankern, dass Menschen mit Behinderung am politischen Prozess und an der Gesellschaft aktiv teilnehmen können. „Ich möchte ein eigenes Ministerium für Behinderung!“ fordert Faisal – und seine entschlossene Miene verrät, dass er sich für seine Forderungen weiterhin engagiert einsetzen wird.

Khadra Ahmed wird gegen Depression behandelt seitdem ihr Mann sie verlassen hat. Die engagierte Physiotherapeutin Fathiha Mohamed Haisin unterstützt sie und viele andere PatientInnen im Rehazentrum des Disability Action Network (DAN).

Physiotherapeutin Fathiha Mohamed Haisin unterstützt eine kleine Patientin im Rehazentrum des Disability Action Network (DAN).

Fathiha bei der Arbeit © E. Fischer / Handicap International

Auch hier in Somaliland treffen wir Menschen, denen ein Verweis auf ihre „Rechte“ sehr abstrakt erscheinen mag angesichts ihrer persönlichen Situation. Das gilt zum Beispiel für Khadra Ahmed, die wegen einer chronischen Krankheit von ihrem Mann verlassen wurde. Sechs ihrer sieben Kinder nahm der Vater mit zu seiner neuen Frau – für Khadra ein schmerzhafter Verlust. Seither leidet sie unter Depressionen und wird jetzt im Mental Health Hospital in Hargeisa behandelt. Dort trifft sie zweimal in der Woche die Physiotherapeutin Fatiha Mohamed Haisin, die mit ihr Dehnungs- und Entspannungsübungen oder Massagen macht. Wir treffen Fatiha bei ihrer eigentlichen Arbeitsstelle, dem Rehazentrum von DAN (Disability Action Network). DAN ist einer der engsten Partner von Handicap International in Somaliland. In den Anfängen der Arbeit in Hargeisa Anfang der 90er-Jahre hat Handicap International das Rehazentrum aufgebaut und z.B. die junge Krankenschwester Fatiha zur Physiotherapeutin ausgebildet. Inzwischen hat DAN nicht nur das Rehazentrum, sondern auch wichtige Menschenrechtsarbeit übernommen, und Handicap International wirkt immer mehr nur noch als Partner und Unterstützer. Fatiha ist heute 48 Jahre alt und Mutter von sieben Kindern. Dennoch hat sie nach jeder Geburt weitergearbeitet und leitet heute ein Team, in dem außer ihr zwei Physiotherapeuten arbeiten. Sie betreut die Frauen, aber gemeinsam mit den beiden Männern auch die vielen Kinder, die ins Zentrum kommen. Denn im frühen Stadium können viele Behinderungen noch durch gezielte Physiotherapie vermieden werden. Zum Beispiel beim kleinen Musa, der auf dem Schoß seiner jungen Mutter Hamda sitzt, während Fatiha und sie erzählen. Hamda hatte eine schwierige Geburt, bei der bald klar war, dass ein Kaiserschnitt nötig werden würde. Aber zunächst musste die Familie überlegen, ob sie sich die Kosten der Operation leisten kann. Dabei wurde kostbare Zeit verloren und das Kind erhielt zu wenig Sauerstoff. Heute kommt Hamda täglich mit ihrem kleinen Sohn, dessen Entwicklung durch die Schwierigkeiten der Geburt verzögert ist, ins Rehazentrum und trainiert mit Fatihas Hilfe Schritt für Schritt seine Bewegungen und Haltungen. Fasziniert schauen wir zu, wie liebevoll die junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn übt – und wie warmherzig und zugewandt Fatiha nach all diesen Jahren immer noch ihre Arbeit erfüllt, die für ihre kleinen und großen Patientinnen und Patienten so viel verändern kann.

Noura Mahmood leitet als Rollstuhlfahrerin eine Farm, fährt Auto und engagiert sich für Gleichberechtigung in der Gesellschaft.

Noura Mahmood fährt trotz Rollstuhl Auto.

Noura beim Aurofahren © Caroline von Eichhorn / Handicap International

Seit Noura mit sieben Jahren an Polio erkrankt war, bewegt sie sich mit ihrem Rollstuhl vorwärts – oder aber seit einigen Jahren auch in ihrem Auto mit Sonderausstattung. Außerdem managt sie eine eigene Farm mit Ziegen und Kamelen. Die Behinderung ist kein Problem für sie, sagt die 35jährige stolz. Auch von ihren Eltern wurde sie immer unterstützt. Heute ist sie zum zweiten Mal verheiratet und engagiert sich gemeinsam mit ihrem Mann in der Organisation Han, die sie 2004 als ersten Verein für Frauen und Kinder mit Behinderung in Somaliland mit gegründet hat. „Han“ bedeutet Ambition – und die hat auch Noura eindeutig: „Ich möchte Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft erreichen!“ Mit diesem Ziel organisiert sie im Verein z.B. Transporte von Kindern mit Behinderung in Schulen oder auch Unterstützung zur Rehabilitation für Frauen, die noch keine Chancen im Leben hatten. Denn was für Noura selbstverständlich ist, gilt für viele andere nicht. „Ich habe schon Frauen aus Häusern geholt, die den Weg zurück heim nicht mehr gefunden haben – weil sie noch nie das Haus verlassen hatten.“ Deshalb ist ihr das Engagement so wichtig – gemeinsam mit „Han“, Handicap International und dem Dachverband für Menschen mit Behinderung SNDF. Von dem wurde Noura inzwischen zur Vorsitzenden gewählt.

 

Sabaad Ali wurde als 5-jährige angeschossen, dieses Jahr als 21-jährige möchte sie für die Parlamentswahl kandidieren.

Sabaad Ali wurde als 5-jährige angeschossen, dieses Jahr als 21-jährige möchte sie für die Parlamentswahl kandidieren.

Sabaad wurde als 5-jährige angeschossen © E. Fischer / Handicap International

Als 5jähriges Mädchen war Sabaad zufällig in der Nähe einer Demonstration in ihrer Heimatstadt Hargeisa, als die Polizei auf die Demonstranten zu schießen begann und das unbeteiligte Mädchen dabei ins Bein traf. Seither geht Sabaad mit Hilfe von Gehstützen. In der Schule benötigte sie einen besonderen Stuhl und wurde deshalb immer wieder gehänselt. Sogar in der Nachbarschaft mussten sie und ihre Familie Beleidigungen ertragen. „Schaut, hier wohnt die…“ Für viele Menschen schien Behinderung ein Makel zu sein.
Das hat sich seither verbessert, meint die heute 21jährige Sabaad, besonders durch die Kampagnen von Selbsthilfeorganisationen. Und sie selbst wirkt sehr sicher, als sie sagt: „Ich will Politikerin werden. Dann werde ich unsere Gesundheitsversorgung, das Bildungssystem und die Wirtschaft verbessern und dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung überall aktiv dabei sind.“ Dass sie auch als Frau mit einer Behinderung die Politik mitgestalten kann und soll, hat sie bei mehreren Trainings gelernt, die Handicap International gemeinsam mit der lokalen Vereinigung SNDF (Somaliland National Disability Forum) organisiert hat. Für die Präsidentschaftswahlen im Frühjahr hat sich Sabaad registrieren lassen – und wenn Parlamentswahlen anstehen, möchte sie gerne als Kandidatin dabei sein. „Ich selbst würde mich freuen, wenn ich eine Frau mit Behinderung wählen dürfte!“, sagt sie lächelnd.

Ali Jama Hassan ist der Direktor von DAN. Er weiß, wie schwierig es ist, Projekte für Menschen mit Behinderung zu finanzieren – dennoch hat er gemeinsam mit Handicap International sehr viel erreicht.

Ali Jama Hassan, der Direktor des Disability Action Network (DAN) beim Treffen mit dem Programmdirektor von Handicap International

Ali Jama Hassan, der Direktor des Disability Action Network (DAN) beim Treffen mit Jeroen Stol, Direktor von Handicap International Ostafrika © Caroline von Eichhorn / Handicap International

Ali Jama Hassan lächelt immer, wenn er spricht, nimmt aber dabei kein Blatt vor den Mund. „Manchmal glaube ich, dass die UN-Behindertenrechtskonvention bei den UN-Institutionen selbst noch nicht wirklich angekommen ist – so schwierig ist es, Projekte für Menschen mit Behinderung zu finanzieren!“ Er weiß, wovon er redet, da er als Direktor des Disability Action Network (DAN) in Somaliland auch für die Finanzen der Reha-Einrichtungen von DAN zuständig ist. Neben internationalen Institutionen sind es z.B. lokale Geschäftsleute, die DAN unterstützen – und mittlerweile auch immer mehr die eigene Regierung. Stolz zeigt Ali die 100 blau angestrichenen Dreirad-Rollstühle, die am 3. Dezember zum UN-Tag der Menschen mit Behinderung feierlich an ihre künftigen BesitzerInnen übergeben werden sollen, finanziert vom Gesundheitsministerium von Somaliland. Man merkt, wie begeistert Ali noch heute von seinem Beruf ist, den er seit über 20 Jahren ausübt und in dem er so viel erreicht hat. „Damals, 1991, schien alle Hoffnung verloren.“ erzählt er. Die somalische Regierung hatte verfügt, dass alle an ihre Heimatorte zurückkehren sollten – also kam Ali aus Mogadischu, wo er Französisch und Englisch studiert hatte, wieder nach Hargeissa. Doch die Stadt hatte sich völlig verändert, sie lag in Trümmern, von der eigenen somalischen Regierung nach Aufständen in Schutt und Asche gelegt. Mit einem Freund begann Ali dann, eine Sprachenschule aufzubauen, als er von Handicap International als Übersetzer angefragt wurde. Es ging um die Unterstützung der Ausbildung lokaler Fachkräfte für das neue Rehazentrum, das Handicap International unter anderem für die vielen Kriegs- und Minenverletzten errichtet hatte. Nach der Aufbauphase war dann ein lokaler Direktor für das Rehazentrum gesucht, und Ali stand wieder zur Verfügung. Heute ist DAN unabhängig und betreibt mehrere Rehaeinrichtungen. Handicap International ist ein Partner wie alle anderen Förderer auch. Und das ist gut so – ein Beispiel gelungener Entwicklungszusammenarbeit! Das gilt auch für die politische Arbeit: Gemeinsam mit einer Beraterin von Handicap International und dem Dachverband SNDF hat DAN die Richtlinien der somaliländischen Regierung für die Rechte von Menschen mit Behinderung ausgearbeitet. Orientiert haben sie sich an der UN-Behindertenrechtskonvention – damit wenn Somaliland eines Tages als unabhängiger Staat anerkannt wird, die Unterzeichnung der Konvention ganz einfach wird.

Veröffentlicht am 13.12.16

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