Süd-Süd Kooperation: Pushpak aus Nepal leitet die Reha im Irak

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Pushpak Newar stammt aus Nepal und arbeitete dort zehn Jahre für Handicap International als Physiotherapeut. Heute koordiniert unsere Rehabilitationsaktivitäten im Irak. Im Interview spricht er über die Unterschiede der beiden Einsatzländer.

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Pushpak hebt mit mehreren Menschen eine Frau in einem Krankenhaus
Pushpak hebt mit mehreren Menschen eine Frau in einem Krankenhaus
Pushpak

Du bist mehrere Jahre in Nepal gewesen und arbeitest nun im Irak. Worin unterscheiden sich diese beiden Länder?

Die Krisen in den zwei Ländern sind verschieden, auch wenn beide Krisen erhebliche und unübersehbare Auswirkungen auf die Bevölkerung haben. In Nepal standen wir nach dem Erdbeben im April 2015 einer Notsituation gegenüber. Da diese allerdings durch ein Naturphänomen ausgelöst worden war, konnten die betroffenen Menschen diesen Schicksalsschlag relativ schnell überwinden. Sie wussten, dass diese Katastrophe außerhalb ihrer Kontrolle lag und vor allem aber, dass dieses Ereignis kaum erneut eintreten würde. Im Irak haben wir es mit einer fortwährenden Krise zu tun, mit einer Konfliktsituation, die seit Jahrzehnten anhält. Die Bevölkerung ist stärker traumatisiert. Wenn wir mit unseren irakischen Patientinnen und Patienten reden, spüren wir ihre Furcht, ihre Angst, ihre Frustration. Es fällt ihnen im Allgemeinen schwer, nach vorne zu schauen, ihrer Zukunft oder Situation mit Optimismus zu begegnen. Bevor ich in den Irak kam, war ich damit auch nicht konfrontiert.

Du koordinierst die Rehabilitationsaktivitäten von Handicap International im Irak. Weisen die hier von uns begleiteten Menschen andere Verletzungen auf als die Menschen, denen du in Nepal begegnet bist?

In beiden Länder litten bzw. leiden die von uns betreuten Menschen an Knochenbrüchen, Rückenmarksverletzungen, Amputationen oder Schädel-Hirn-Traumata. Unterschiede bestehen eher bei den Ursachen dieser Verletzungen. In Nepal wurden bei dem Erdbeben viele Menschen in den Trümmern eingeklemmt. Wenn eine Amputation erfolgen musste, dann in der Regel, weil es keine Möglichkeit mehr gab, ihren Arm oder ihr Bein zu „retten“.

Im Irak hingegen werden viele Menschen verletzt, während sie aus Konfliktgebieten fliehen. Wenn sie eine Amputation erleiden müssen, dann häufig aufgrund der fehlenden Versorgung, einer starken Blutung oder einer anderen medizinischen Komplikation dieser Art. Der Zugang zu den Krankenhäusern ist schwierig und wird kontrolliert. Zahlreiche Checkpoints und andere Sicherheitsprozeduren stehen der dringend benötigten medizinischen Versorgung der Verletzten häufig im Weg. Und wenn sie es dann endlich in eine Gesundheitseinrichtung geschafft haben, ist diese zumeist überlastet. Die Menschen können dadurch nicht so lange dort bleiben, wie es eigentlich notwendig wäre, um sich von den Verletzungen zu erholen. Die mangelnde postoperative Versorgung stellt das Hauptproblem dar.

Bestehen zwischen den beiden Ländern auch Unterschiede in der medizinischen Versorgung der verletzten Menschen?

Wenn man die irakischen und nepalesischen Gesundheitssysteme miteinander vergleicht, wird einem bewusst, wie weit entwickelt der Irak hier ist. Es wird wahrscheinlich zehn Jahre dauern, bis Nepal über ähnliche Einrichtungen wie der Irak verfügt. Nach dem Erdbeben in Nepal musste die Mehrzahl der Verletzten für eine angemessene Behandlung per Helikopter in die Hauptstadt Katmandu geflogen werden. Im Irak gibt es im ganzen Land viel mehr Krankenhäuser. Das Hauptproblem bleibt der Zugang zu diesen. Auch die Anzahl der Verletzten ist unterschiedlich, was einen direkten Einfluss auf die Versorgung der Menschen hat.  

Das anschaulichste Beispiel ist für mich die Geschichte von Khembro und Nirmala. Diese beiden kleinen nepalesischen Mädchen mussten 2015 amputiert werden. Da sie eine geeignete Behandlung und regelmäßige Nachkontrollen durch Handicap International erhalten hatten, konnten ihnen zügig Prothesen angepasst werden und sie lernten rasch wieder zu laufen. Im Irak traf ich vor einigen Monaten einen Jungen aus Mossul, der so alt war wie diese beiden Mädchen. Ihm mussten beide Beine amputiert werden, weil er nach dem Unfall nicht schnell genug angemessen behandelt werden konnte. Der Konflikt hat ihn beinahe getötet und hat ihn seiner beiden Beine beraubt. Er befindet sich immer noch in einem kritischen Zustand und lebt in einem Gebiet, das für humanitäre Akteure kaum zugänglich ist. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele irakische Kinder es sind, die sich in derselben Situation befinden.

Und wie ist der Gefühlszustand dieser Menschen?

Darin besteht meiner Meinung nach der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Ländern. Den Menschen in Nepal fiel es leichter, sich von dem Erdbeben zu erholen. Sie konnten niemanden für das Geschehene verantwortlich machen. Und so war es einfacher für sie, sich wieder aufzurappeln. Im Irak hat der Krieg massive Auswirkungen auf die Psyche der Menschen. Sie brauchen in der Regel viel länger, um ihre Traumata zu überwinden, ob diese nun von einer Verletzung, den Erlebnissen der vergangenen Jahre, der allgemeinen Lage im Land oder allen drei Punkten zusammen herrühren. Hier wird der Konflikt direkt von Menschen verursacht – und er geht unverändert weiter.    

Die Mehrzahl der von uns unterstützen Menschen weiß nicht, was am nächsten Tag passieren wird, ob sie von einem Bombenangriff getroffen werden oder erneut fliehen müssen… Diese Situation betrifft die gesamte irakische Bevölkerung. Und in den Flüchtlingslagern ist alles noch schwieriger. Die Menschen in den Camps  können sich nicht richtig frei bewegen, sie können nicht kommen und gehen, wie sie sie es gerne möchten, und dies wirkt sich stark auf ihre seelische Verfassung aus. Daher bieten wir im Rahmen unserer Opferhilfe begleitend zur körperlichen Rehabilitation auch psychologische Unterstützung an. Wir denken, dass dies in einer solchen Situation unverzichtbar ist.

Warum sind unsere Rehabilitationsmaßnahmen im Irak so wichtig?

In einem Konfliktland gibt es immer eine erhebliche Anzahl an Verletzten. Mit Physiotherapie können wir die Folgen der Verletzungen abmildern und ihnen helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Dabei ist es auch von großer Bedeutung, dass unsere Teams diese Menschen regelmäßig begleiten. Wir helfen ihnen nicht nur bei der körperlichen Genesung, sondern wir geben ihnen die Hoffnung zurück. Und Hoffnung ist das, was sie in Zeiten des Krieges am meisten benötigen. Die Physiotherapie kann eine Verschlimmerung der Behinderungen und Verletzungen vermeiden, vor allem aber kann sie den betroffenen Menschen vermitteln, dass ihr Unfall nicht das Ende ihres Lebens bedeutet. Wir sind diejenigen, die sie daran erinnern, dass sie nach vorne schauen müssen, trotz ihrer aktuellen Lage und den alltäglichen Schwierigkeiten.

Erlebst du selbst deinen Einsatz im Irak anders als dein Engagement in Nepal?

Als Physiotherapeut ist meine klinische Herangehensweise immer dieselbe, unabhängig von meinem Einsatzort. Jedoch unterscheiden sich diese beiden Erfahrungen deutlich, weil meine Beziehung zur Bevölkerung jeweils eine andere ist. In Nepal waren meine Angehörigen und ich von dem Erdbeben selbst betroffen gewesen. Ich verstand daher sehr genau, was die Menschen fühlten, denen ich begegnete. Hier im Irak kann ich mir nur vorstellen, was die Menschen seit Jahrzehnten im Alltag durchmachen. Ihre Berichte gehen mir sehr nahe. Der Krieg beeinflusst ihr Leben massiv, er durchdringt alle gesellschaftlichen Bereiche. Hier erscheint alles kompliziert, und in einem solchen Umfeld kann man leicht jeglichen Mut verlieren. Aber ich behalte trotz alledem die Hoffnung und freue mich über kleine Siege. Das ist es, was mich hier zum Weitermachen antreibt.    

Fotos: 2: Wesley Pryor/Handicap International - 3,4: E. Fourt/Handicap International

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