Stadtteil-Check: Barrierefreies München

In Zusammenarbeit mit dem Münchner Kreisjugendring organisiert unser Projekt ComIn regelmäßig „Stadtteil-Checks“ mit Schülerinnen und Schülern. Mit Rollstühlen, Blindenstöcken usw. ziehen diese durch ihre Stadtviertel und testen, wie frei sich Menschen mit Behinderung hier bewegen können.

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„Ich glaube nicht, dass wir so viel Zeit brauchen.“

„Also durch die Apotheke sind wir in zehn Minuten durch; dann können wir zum Müller, zum Bäcker und zum Gärtnerplatztheater.“

Diese und ähnliche Beiträge hörte man noch während der Vorbesprechung der BetreuerInnen zu dem Stadtteil-Check mit der Klasse 4a der Klenzeschule. Doch die Realität sah dann ganz anders aus... Beim Treffen am nächsten Morgen im Schulhof der Klenzeschule wurde schnell klar, dass zuerst eine Einführung in den Umgang mit den verschiedenen Hilfsmitteln gegeben werden muss – der Blindenstock wurde z.B. zu einer Gefahrenquelle für alle, die ca. zwei Meter um den „Hantierenden“ standen! Nachdem Ricarda Wank, die das Projekt ComIn für Flüchtlinge mit Behinderung in München leitet, die Funktionen des Rollstuhls näher erklärt hatte, wurde das geplante „Rollstuhlrennen“ auf den Mittag verschoben, und die volle Aufmerksamkeit der Schüler galt nun doch dem ernsten Thema: Wie gut sind verschiedene Einrichtungen in diesem Stadtteil für Menschen mit Behinderungen zugänglich?

Als sich die Gruppen, bestehend aus je sechs SchülerInnen und BetreuerInnen, auf den Weg machten, wurde schnell klar, warum der ganze Vormittag für den Stadtteil-Check vorgesehen war: Wie können Menschen mit einem Rollstuhl eine Straße überqueren, wenn alle abgesenkten Bordsteine von parkenden Autos blockiert sind, und wie geht es blinden Menschen, wenn an der zu überquerenden Straße der Summton der blindengerechten Ampel nicht mehr funktioniert? Diese sehr ernsthaften Fragen – aber auch scheinbar weniger ernsthafte Tatsachen wie „Hundescheiße ist für Blinde scheiße“ – beschäftigten die Schüler der 4a. Ein Geschäft, das gleich von zwei Gruppen genauer unter die Lupe genommen wurde, war ein Drogeriemarkt in der Müllerstraße. Da er vor etwa zwei Jahren behindertengerecht umgebaut wurde, fiel dem bereits geschulten Blick einiger SchülerInnen gleich am Eingang dieses Geschäfts auf: „Es gibt hier keine Stufen, und die Gänge sind auch breit genug, um mit einem Rollstuhl durchzukommen, ohne gleich alles umzuwerfen“. Trotzdem blieb am Schluss ein negativer Aspekt, der allerdings erst deutlich wurde, als der „Blinde“ genau dagegen lief: ein Pfosten direkt im Aus- und Eingangsbereich, der als Stütze des Gebäudes dient.

Zusammenfassend wurde die Situation von Menschen mit Behinderung in ihrem Stadtteil von den SchülerInnen der Klasse 4a positiv bewertet. „Die Verkäufer waren freundlich. Die Verkäuferin beim Bäcker ist extra nach vorne gekommen,um mich zu bedienen,“ berichtete eine Schülerin, die sich den Rollstuhl ausgesucht hatte. Durch das Projekt angeregt, machten sich viele der SchülerInnen zum Schluss auch allgemeine Gedanken zu Menschen mit Behinderungen. Äußerungen, wie „Man könnte nicht den Job haben, den man sich gewünscht hat, und kein Fußball mehr spielen“, hörte man später auf dem Schulhof häufiger. Ausgelöst durch den Teil des Fragebogens „Checkliste Herzensangelegenheiten“ wurde noch die Einstellung nicht behinderter Menschen gegenüber Menschen mit Behinderung diskutiert: „Wann soll ich helfen und wann nicht, und soll ich darauf warten, dass mich diese Person darum bittet?“ oder „Ich fand es nicht gut, dass man dumm angeguckt wurde und manche Leute Angst vor Behinderten haben“ waren Bemerkungen, die immer wieder vorkamen. Insgesamt konnten sich die SchülerInnen aber gut in Menschen mit Behinderung hineinversetzen. Sie zeigten Offenheit und Interesse, sich mit dem Thema zu befassen. Die abschließende Bemerkung einer Schülerin unterstreicht jedoch, dass dies gar nicht so einfach ist: „Das mit dem Blinden war seltsam und gut zu sehen, wie es ist, blind zu sein. Aber die Idee mit dem Blindenstock ist sehr gut! Mehr kann ich nicht sagen, denn die Blinden haben alles ja gelernt und ich nicht!“ Es bleibt demnach also noch viel zu lernen - für alle Seiten.

Seit Juli 2003 bietet Handicap International zusammen mit dem Kreisjugendring diese Stadtteil-Checks für Schulklassen und Jugendgruppen an. In ihrer unmittelbaren Umgebung werden die Kinder und Jugendlichen für die alltäglichen Barrieren von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen wie Sehbehinderung/Blindheit, Körperbehinderung und Gehörlosigkeit sensibilisiert. Mit Rollstuhl, Blindenstock und Ohrstöpseln können sie Einschränkungen selbst erfahren und anhand eines Fragebogens erfassen – zum Beispiel auf dem eigenen Schulgelände, in der nächstgelegene Eisdiele, dem Supermarkt, einem Schreibwarengeschäft etc.

  • Gibt es Rampen oder, falls welche angebracht sind, wie steil sind sie?
  • Ist das machbar im Rollstuhl?
  • Wie finde ich als Blinde/r meinen Weg?
  • Welche Erfahrungen macht man,wenn man seine Umwelt nicht mehr hört, und wie gehen die anderen damit um?
  • Sind PassantInnen hilfreich, oder gehen sie aus dem Weg?

Einige behinderte und nicht behinderte Menschen begleiten die Schulklasse oder Gruppe. Hauptzielgruppe sind ca. 10- bis 15-Jährige, bei Interesse auch andere Altersstufen. Die Daten werden gesammelt und an die Stadt München weitergegeben. Bei Interesse melden Sie sich bitte bei Ricarda Wank, Tel.: 089 / 411 09 573 - oder auch gerne per E-Mail. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass die Stadtteil-Checks nur nach Terminabsprache und mit einer Vorlaufzeit von mindestens zwei Wochen durchgeführt werden können.