Ranims Geschichte: Elend am Ende der Flucht

Ranim aus Syrien ist 31 Jahre alt. Sie und ihr Mann erzählen bereitwillig ihre Geschichte. Das Interview findet in entspannter Atmosphäre statt. Damit steht es ganz im Widerspruch zu der düsteren und traurigen Geschichte, die sie berichten.

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Ranim und ihre Familie vor ihrem Zelt im Libanon
Ranim und ihre Familie vor ihrem Zelt im Libanon
Ranim und ihre Familie vor ihrem Zelt im Libanon

Beide nicken zustimmend, wenn der andere erzählt. Sie haben sechs Kinder, fünf Mädchen und einen Jungen, die zwischen eineinhalb und 17 Jahre alt sind. Die jüngeren Kinder sitzen daneben und lauschen gespannt jedem Wort. An manchen Stellen hört man ihnen an, wie intensiv die Erfahrungen für sie waren. Leise rinnen die Tränen über Ranims Gesicht. Als ihr Mann das sieht, beginnt auch er zu weinen. Während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischt, gesteht er:

„Ihr habt gerade unsere tiefen Wunden wieder geöffnet.“

Er sagt das freundlich und ohne Vorwurf. Es ist ihnen wichtig, trotz des tief sitzenden Schmerzes ihre Geschichte mitzuteilen.

 

 

Ranims Geschichte Teil 1 bis 5 finden Sie auch auf YouTube.

Das Leben vor dem Krieg

Mein Ehemann ist Automechaniker und Elektriker. Vor dem Krieg hatte er seine eigene Werkstatt. Meine Eltern waren Hirten. Wir waren Beduinen und in meiner Kindheit lebten wir als Nomaden. Als Kind war ich es gewohnt, umherzuziehen und ein sehr schlichtes Leben zu führen. Wir zogen mit den Schafen und gingen überall hin, wo das Gras die Schafe anlockte. Wir blieben nie länger als sechs oder sieben Monate an einem Ort. Dann zogen wir weiter an Orte, an denen das Gras grüner war. Ich denke, die Schafe haben für uns entschieden. Wir folgten ihnen einfach. Es war ein sehr gutes Leben.

Kein Vergleich zu den Vertreibung, die wir jetzt durch die Bombenangriffe erlebt haben. Es ist ganz anders. In meiner Kindheit hatten wir keine Angst. Wir zogen ruhig und glücklich umher. Ich hatte eine wunderbare Kindheit.

Mit 14 Jahren heiratete ich. Das Haus, in dem ich mit meinem Mann lebte und in dem meine Kinder geboren wurden, war solide. Es war dafür gebaut, ein Leben lang zu halten.

Bleiben war schlicht unmöglich

Wir lebten in AZ. neben dem Militärflughafen östlich von Idlib. Nachdem die Kämpfe begonnen hatten, war es schlicht unmöglich, dort zu bleiben. Die Gegend um den Flughafen wurde belagert. Dann fiel sie. Minuten später begannen die Bombenangriffe und der Beschuss. Die erste Bombe schlug direkt vor unserem Laden ein. Es war sechs Uhr morgens und ich wusch gerade Kleidung. Ich wusste gar nicht, was los war. Die Bombardierungen gingen den ganzen Morgen weiter. Wir beschlossen, zum Haus meiner Eltern nach ME. zu fahren. Das lag ein paar Autostunden entfernt.

Mein Mann blieb zurück, als wir flohen. „Geht ihr schon voraus, ich hole unsere Sachen und bringe sie später mit“, sagte er. Sein Neffe nahm uns im Auto mit. Wir hatten nur die Kleider dabei, die wir am Leibe trugen. Sonst nichts. Gegen Mittag fuhren wir los, ich und die Kinder. Wir kamen sicher in ME. an, doch der Neffe wurde auf dem Rückweg verletzt. Sie beschossen ihn aus einem Flugzeug heraus. Er wurde getroffen und starb. Mein Mann musste noch drei Tage im Haus ausharren. Es wäre zu gefährlich gewesen, auf die Straße zu gehen. Es wurde immer noch heftig geschossen und bombardiert. Die ganze Zeit flogen Militärflugzeuge über der Stadt.

Auch andere Städte boten keine Sicherheit

Bald wurde auch ME. zur Zielscheibe und bombardiert. So beschlossen wir, woanders hinzugehen. Unser nächstes Ziel war AS. im Distrikt Hama. Doch zwei meiner Cousins wurden bei den Bombardierungen in AS. getötet. Nachdem das passiert war, gingen wir zurück nach AZ. Ich brachte dort meine Tochter zur Welt. Sie wurde zuhause geboren, nur mit Hilfe einer Hebamme. Wir blieben einen Monat in AZ. Es wurde immer noch gelegentlich bombardiert und beschossen. Aber es fühlte sich nicht mehr so schlimm an wie zuvor. Doch eines Tages hörten wir, dass die Stadt erneut zum Ziel werden sollte. Mein Mann lieh sich ein Auto, wir packten alles ein, was wir konnten, und um fünf Uhr morgens fuhren wir mit der ganzen Familie wieder nach AS.

Es war bitterkalt im Januar 2013. Der Regen war wie Eis, das vom Himmel fiel. Alles lag in dichten Neben gehüllt. Als wir ankamen, konnten wir eigentlich gar nichts sehen. Nur den Regen, das Eis, den Nebel und die Kälte. Normalerweise wäre es nur eine kurze Fahrt gewesen. Doch an jenem Tag dauerte es länger, weil wir nur Seitenstraßen benutzten. Wir blieben sechs oder sieben Monate in AS. Zunächst wohnten wir bei meiner Schwester. Dann fanden wir eine eigene Wohnung, die wir mieten konnten. Mein Mann hatte einen kleinen Laden eröffnet. Unser Leben wurde langsam besser. Er kaufte Kinderkleidung ein und verkaufte sie weiter. Er hatte ein Motorrad und fuhr damit überall hin. Als es ein bisschen ruhiger geworden war, schaffte er es sogar, gelegentlich nach AZ zu reisen, um nach unserem Haus zu sehen. Doch dann nahmen die Kämpfe wieder zu und es flogen immer mehr Flugzeuge, die Bomben abwarfen.

Das Haus begrub meinen Mann

Eines Tages, als mein Mann gerade in AZ. war, hörte ich, dass unser Haus getroffen war. Ich wusste nicht, ob meinem Mann etwas passiert war. Also fuhr ich mit seinem Bruder hin. Eine Fassbombe war direkt vor unserem Haus abgeworfen worden. Die Druckwelle der Explosion war so enorm, dass das Haus augenblicklich in sich zusammenbrach. Es stürzte regelrecht über ihm ein. Er wurde ohnmächtig und lag unter den Trümmern begraben. Seine Hüfte war gebrochen. Seine Beinknochen waren zerfetzt. Um ihn herum wurde immer noch bombardiert, sodass wir ihn nicht wegbringen konnten. Einen Krankenwagen zu rufen und ins Krankenhaus zu fahren, war zu gefährlich. Auch die Krankenhäuser waren Zielscheiben für Angriffe, deswegen ging man nicht mehr dorthin, außer wenn man wirklich keine andere Wahl hatte.

Drei Stunden später brachten sie einen ortsansässigen Heiler zu ihm. Wir wussten, dass der Mann nicht dasselbe wie ein Arzt leisten könne, aber es fühlte sich sicherer an. Als mein Mann nach AS. zurückkehrte, erzählten wir jedem, dass er einen Motorradunfall gehabt hatte. Wir wollten nicht, dass jemand erfuhr, dass er von einer Bombe getroffen worden war. Wir trauten uns nicht, es zu sagen. Wir schämten uns ein bisschen dafür, so als ob es seine Schuld gewesen wäre.

Zu dieser Zeit wurde meine Schwester getötet. Ich kam gerade von einem Treffen bei ihr. Sie bombardierten mehrere Häuser gleichzeitig. Meine Schwester war sofort tot. In einem anderen Haus starb ein junger Mann, den wir kannten.

Nach diesem Ereignis zogen wir zu meinem Onkel. Es dauerte zwei Monate, bis mein Mann wieder laufen konnte. Ganz langsam. Die Leute wussten, dass mein Mann nicht arbeiten konnte. Also halfen sie uns. Sie waren wundervoll. Der Krieg hatte uns näher zusammengerückt. Doch an anderen unserer Aufenthaltsorte herrschte sehr viel Angst. Die Menschen vertrauten einander nicht mehr. Das machte alles noch schwieriger. Selbst die Bombenangriffe fühlten sich beängstigender an.

Während mein Mann zuhause war, half sein Bruder aus, den Laden mit der Kinderkleidung zu betreiben. Doch das Umherfahren wurde zu gefährlich. Daher verkaufte er den Lagerbestand. Ein Nachbar besaß einen Olivenhain und bezahlte uns dafür, dass wir uns darum kümmerten. Wir arbeiteten alle mit. Mein Mann half mit der Bewässerung und die Kinder und ich verrichteten andere Arbeiten und versorgten die Bäume.

Am Ende der Reise herrscht Elend

Wir sind jetzt seit drei Jahren im Libanon. Wir mussten eine Menge Geld bezahlen. Ich weiß nicht einmal, wer davon profitiert hat. Und ehrlich gesagt ist es mir auch egal. Ich weiß nur, dass wir zahlten und drei Tage später in Sicherheit waren.

Meine Kinder sind im Krieg aufgewachsen. Die Reisen, die sie durchmachen mussten, waren voller Elend und Tod. Das hat nichts mit dem zu tun, was ich als Kind erlebt habe. Sie haben Menschen sterben sehen. Sie konnten nicht zur Schule gehen. Sie kennen weder Frieden noch Sicherheit. Ihre Angst versetzt mir einen Stich im Herzen. Am Ende der Reise ist unsere Situation nach wie vor miserabel. Unsere Kinder besuchen nicht einmal die Schule.

Als ich heiratete, konnte ich weder lesen noch schreiben. Mein Mann ermutigte mich, zur Schule zu gehen. Jetzt kann ich ein bisschen schreiben. Ich will, dass meine Töchter alphabetisiert sind. Bildung ist sehr wichtig. Wir wollen ein friedliches, ein normales Leben führen. Das ist alles, was wir wollen.

Jede Stimme zählt! Helfen Sie uns bei unserem Engagement gegen die Bombardierung der Zivilbevölkerung und unterzeichnen Sie unsere Petition STOP! Bombing Civilians!