Co-Preisträgerin Friedensnobelpreis

HI-Mitarbeiterin Zeina berichtet aus Beirut

Nothilfe
Libanon

Die Libanesin Zeina koordiniert ein Nothilfe-Team von 25 Experten und Expertinnen in Beirut. Die Situation ist schlimmer, als sie es für möglich gehalten hat.

Zainas Team bereitet sich auf ein Treffen mit Betroffenen vor.

Zainas Team bereitet sich auf ein Treffen mit Betroffenen vor. | © HI

„Wir liegen am Boden und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie wir wieder aufstehen sollen“, sagt sie verzweifelt. Gleichzeitig ist sie und das HI-Team unermüdlich unterwegs, um psychologische Hilfe zu leisten und den unzähligen Verletzten zu helfen – hier ist ihr Bericht:

„Um meine Erfahrungen der letzten Tage zu verstehen, müssen Sie ein wenig über mich wissen. Ich bin im Libanon geboren und lebe in Beirut – das ist meine Heimat. Ich bin seit elf Jahren bei HI - meine Kollegen und Kolleginnen sind wie eine Familie. Ich war während der Explosion zuhause. Mein Haus liegt weit weg vom Hafen, aber kurz vor dem Lärm der Explosion spürte ich den seltsamsten Wind, wie eine große Welle, die gegen meinen Körper drückte.

Am nächsten Tag sah ich die Zerstörung in der Stadt mit eigenen Augen. Natürlich hatte ich die Fotos und Videos im Fernsehen gesehen, aber irgendwie dachte ich, dass es vielleicht etwas übertrieben war. Tatsächlich ist die Realität viel schlimmer, die Katastrophe viel größer. Als Erstes ging ich ins HI-Büro und ich erinnere mich noch an meine ersten Gedanken. Ich war einfach so dankbar, dass die Explosion nach der Arbeitszeit geschah, dankbar für meine Kolleg*innen und für ganz Beirut. Ich glaube, es hätte viele Tote gegeben, wenn wir dort gewesen wären. Überall war Glas, Schreibtische waren herumgeschleudert worden, es herrschte Chaos.

Wir sind  sofort in die Krankenhäuser gegangen und in die völlig zerstörten Gebiete, um herauszufinden, was die Menschen brauchen.

Wir sehen auch dringenden Reha-Bedarf. Die Menschen werden sehr schnell aus dem Krankenhaus entlassen und viele können nicht in ihre Häuser zurückkehren, weil die Gebäude gefährlich instabil sind. Wir müssen diese Menschen finden und Physiotherapie anbieten, um ihre Genesung in Gang zu bringen.

Dies ist nicht die erste Katastrophe in Beirut oder im Libanon. Wir wissen, wie wir uns aufraffen und wiederaufbauen können. Aber dieses Mal ist die Explosion nur ein Teil des Ganzen. Die wirtschaftliche Lage ist schlimm, die Politik ist kompliziert und wir kämpfen verzweifelt darum, die Ausbreitung des Coronavirus unter Kontrolle zu bringen. Wir liegen am Boden und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie wir wieder aufstehen sollen.

Im Namen meines Teams möchte ich allen danken, die uns in irgendeiner Weise unterstützen. Ich danke Ihnen."

14 August 2020
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