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Marokko: "Schulbücher der getöteten Kinder lagen in den Trümmern."

Nothilfe
Marokko

Mohamed lebt in Amizmiz, in der Nähe des Epizentrums des Erdbebens, das Marokko Anfang September erschüttert hat. Einen Monat nach der Katastrophe berichtet er darüber, wie die Solidarität der Menschen hilft, um diese beispiellose Krise zu bewältigen. Die Überlebenden überwinden den Schock nur langsam. Viele machen sich nun Sorgen vor dem bevorstehenden Winter.

Eine Überlebende des Erdbebens steht neben Hilfsgütern, die von Freiwilligen in einem Dorf in der Nähe von Amizmiz hinterlassen wurden.

Eine Überlebende des Erdbebens steht neben Hilfsgütern, die von Freiwilligen in einem Dorf in der Nähe von Amizmiz hinterlassen wurden. | © Bulent Kilic / AFP

Eine Katastrophe von unbeschreiblichen Ausmaß

„Jeden Tag denken wir an diejenigen, die ihr Leben verloren haben, und an alle Überlebenden, die von dieser Tragödie betroffen sind. In dieser Nacht waren meine Frau und ich in der Provinz Essaouira in der Nähe der Küste. Als das Erdbeben anfing, war es, als würde man auf einem Ast sitzen, der von einem starken Wind umgeworfen wird. Die Wände bewegten sich - zitterten heftig, schwankten. Wir wussten nicht, ob wir gleich noch am Leben sein würden. Nach ein paar Minuten hörte es auf. Aber es gab keinen Strom mehr und keinerlei Kommunikation zur Außenwelt. Wir machten uns furchtbare Sorgen, was mit unseren Angehörigen geschehen war. Es war schrecklich, weil wir keine Möglichkeit hatten, sie zu kontaktieren.

Wir machten uns so schnell wie möglich auf den Weg in unsere Heimat Amizmiz, nicht weit vom Epizentrum des Erdbebens entfernt. Als wir ankamen, sahen wir, dass die Häuser über den Bewohnern und Bewohnerinnen zusammengebrochen waren. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, was wir fühlten. Wir sahen Menschen, unsere Nachbarn, die nach ihren Angehörigen suchten. Wir suchten Zuflucht an einem sicheren Ort und erfuhren, dass es unserer gesamten Familie gut ging. Das war eine große Erleichterung. Wir hatten zwar unser Hab und Gut und unser Zuhause verloren, aber keine Angehörigen.

Die Gemeinde organisierte sich zu diesem Zeitpunkt bereits, um Bedürftigen zu helfen, und ich bin stolz zu sehen, wie solidarisch die Menschen miteinander umgehen. Die Bevölkerung dort konnte Überlebende schneller ausfindig machen, weil sie wusste, wer in den einzelnen Häusern lebt. Es ist sehr schwer zu beschreiben - es war, als wäre man in der Zeit stehen geblieben. Wir hatten große Angst vor Nachbeben. 

„Diese Szenen werden mich mein ganzes Leben lang begleiten“


Ich bin vor ein paar Tagen nochmal zurückgekehrt und habe beobachtet, wie die letzten Opfer aus den Trümmern gezogen wurden. Über hundert Menschen sind ums Leben gekommen. Es ist wie ein Gang durch ein Kriegsgebiet. Einige der Häuser stehen noch, aber sie sehen aus, als hätte man sie mit Maschinengewehren beschossen. Und in den Trümmern liegen die Schulbücher und Hefte der Kinder, die umgekommen sind. Diese Szenen werden mich mein ganzes Leben lang begleiten. Die Menschen müssen jetzt damit beginnen, das Geschehene zu verarbeiten, damit sie trauern können und die Herausforderungen anpacken können, die vor ihnen liegen. Es ist eine furchtbare Katastrophe. Heute überwinden die Menschen allmählich ihren Schock, kehren in die Realität zurück und denken darüber nach, wie sie mit den Folgen des Unglücks umgehen sollen. Hinzu kommen der bevorstehende Winter und das bergige Gelände, das die Lieferung und Organisation der Hilfe erschwert.
 

6 Oktober 2023
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