Die Inklusive Schule in Agadir, Marokko

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Pssst! Stellen Sie sich etwas vor…

Stellen Sie sich einen Ort vor, an dem alle Kinder sie selbst sein können. An dem sie sich entfalten, lernen und gemeinsam aufwachsen können. Ein Ort, der erst durch viele kleine Puzzleteile zu einem besonderen Ganzen wird. Und jetzt stellen Sie sich vor, dass es diesen Ort wirklich geben kann: die inklusive Schule in Agadir, Marokko. Die Schule von Ikram.

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Zu sehen ist Ikram, schwarze Haare, Haarreif, Pferdeschwanz, gekleidet in ein gelb-schwarzes traditionelles Kleid auf einer Schulbank mit ihrer Banknachbarin. Beide lesen interessiert ein Buch.
k mit ihrer Banknachbarin. Beide lesen interessiert ein Buch.
Der Zauber des Lernens - Ikram mit einer Klassenkameradin im Unterricht

Gelebte Inklusion

Die Schule für Alle ist ein Grundprinzip einer gleichberechtigten, einer inklusiven Gesellschaft. Um die Rechte von Kindern mit Behinderung zu verteidigen, werden oft ihre Defizite hervorgehoben und als Argument für ihre Hilfsbedürftigkeit verwendet. Das geht aber auch anders. Wir möchten lieber von ihren Fähigkeiten sprechen. Denn genau darum geht es: um fähige Kinder. Kinder voller Träume, Ambitionen und Ideen. Und es ist die Aufgabe von uns allen, ihnen die Möglichkeiten für ihre Ambitionen zu bieten. Ihnen die oftmals von der Gesellschaft verschlossenen Türen zu öffnen. Beginnend mit der ersten und zugleich wichtigsten: der Tür zur Schule.

Ikram kann ein Lied davon singen, wie sich alles verändert hat, als sie endlich die Chance bekommen hat, in die Schule gehen zu können. Ihre Geschichte macht Mut, Politiklinien und Programme umzusetzen, mit deren Hilfe solche Geschichten zur Regel werden und nicht die Ausnahme bleiben.

Die braunhaarige Ikram, geschoben von ihrer Mutter, auf dem Weg in ihr Klassenzimmer. Sie trägt ein gelb-schwarzes tradittionelles Kleid.

Mit Schwung in einen neuen Alltag - Ikram auf dem Weg in ihr Klassenzimmer © Amminadab Jean

Ikrams Eltern wollen mehr für ihre Tochter

Die kleine Familie lebt in einer einfachen Wohnung in Agadir. Die Familie, das sind Vater, Mutter, Ikram und ihre kleine Schwester Ihlam. In dem kleinen Dorf, in dem Ikram aufwuchs, konnte Ikram nicht angemessen versorgt werden und nicht zur Schule gehen. Ikram wurde zwar in der Kinderkrippe aufgenommen, doch zur Schule konnte sie nicht gehen. Die Schule war nicht barrierefrei. Mit dem Rollstuhl führte kein Weg hinein. Also beschlossen die Eltern, das Dorf hinter sich zu lassen und in die Stadt zu ziehen. Der Vater arbeitet und die Mutter kümmert sich um die Mädchen.

In Agadir lässt Ikrams Mutter nichts unversucht, um eine Schule für ihre Tochter zu finden, Ikram soll die gleichen Chancen wie alle anderen haben. Am Anfang hagelt es Absagen, Frust macht sich breit. Doch ihre Ausdauer zahlt sich aus. Irgendwie erfährt sie von einer inklusiven Schule, die Ikram selbstverständlich aufnimmt. Die Einschreibung verläuft problemlos und Ikram beginnt in der Integrationsklasse, die sich speziell Kindern mit einer Behinderung widmet. Zu Beginn ist sie schüchtern und spricht nur wenig. In vielen Schulen wäre das vermutlich sehr lange so geblieben…Dann spricht Ikram eben wenig. Nicht so aber in der inklusiven Schule. Die anderen Schülerinnen und Schüler und der Lehrer wollen, dass Ikram Teil der Gemeinschaft wird. Dass sie ihre Schüchternheit überwindet. Also schauen sie Filme und sprechen anschließend gemeinsam darüber. Das hilft, aber so richtig brechen will das Eis noch immer nicht. Erst ein Workshop über plastische Kunst ändert alles. Genau das hat Ikram immer gebraucht.

Ikram mit ihren Klassenkameraden. Eine Mitschülerin gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Alle wirken glücklich.

Grenzen überwinden - Die Umsetzung dieses Prinzips erfolgt hier auf eine besonders schöne Art © Amminadab Jean

„Wenn ich groß bin, werde ich Malerin.“ - Ikram

Ikram zeichnet und blüht auf einmal richtig auf. Der Direktor beschließt, sie zunächst teilweise am regulären Unterricht in der Klasse teilnehmen zu lassen. Der Lehrer ruft die Schüler und Schülerinnen dazu auf, den neuen Sitzplatz für Ikram zu wählen. Sie reservieren ihr einen Platz in der ersten Reihe. Ikram kommt an – und zwar so gut, dass sie eine Klasse überspringen darf, um die verlorene Zeit möglichst schnell nachzuholen.

Ikram auf ihrer Schulbank im Unterricht mit ihrem Lehrer. Sie wirkt schüchtern aber konzentiert.

Dankbar für einen normalen Schulalltag - Aufmerksam verfogt Ikram die Ausführungen ihres Lehrers © Amminadab Jean

„Ich liebe den Arabisch-Unterricht. Und am meisten mag ich die Zeichenstunden. In der Pause esse ich Kuchen und spiele mit meinen Freundinnen. In der Klasse kümmert sich mein Lehrer um mich. Da ist auch noch ein anderes Mädchen mit Behinderung in meiner Klasse und für sie läuft es auch gut.“ - Ikram

Ikrams Mutter ist so glücklich über die Erfolge ihrer Tochter, dass sie die eineinhalb Stunden, die sie ihre Tochter täglich zur Schule begleitet, voller Freude in Kauf nimmt. Die Alternative wäre, Ikram wieder zu Hause zu lassen. Hoffentlich übernimmt die Schule bald wieder den Transport. Ikram hat großes Potenzial, jedes Jahr gewinnt sie an Selbstvertrauen. Aber wird es auch reichen, an einer weiterführenden Schule angenommen zu werden?

Wer Ikram noch vor einiger Zeit gesehen hätte, glaubt nicht, dass die Ikram von damals und die Ikram von heute die gleiche Person sind. In der blumigen, wunderschönen marokkanischen Ausdrucksweise sagen ihre Betreuenden: Ikram ist eine Blume, die sich entfalten kann. Als Schülerin und als Malerin. Sie ist glücklich. Später wird sie die Möglichkeit haben, einen Beruf zu ergreifen und selbständig zu leben.

Ikram ist umgeben von ihren Klassenkameraden auf dem Schulhof. Sie lacht und ist voller Teil der Gruppe.

Ein Lächeln, das verzaubert - Ikram mit ihrer Klasse am schönsten Ort der Schulzeit, dem Pausenhof © Amminadab Jean

Inklusion - Eine Gemeinschaftsaufgabe

Ikram ist nicht die einzige. Die inklusive Schule und ihre großartigen Betreuerinnen und Betreuer helfen vielen Kindern mit Behinderung. Und es könnten noch tausende mehr sein, wenn sie die Möglichkeit bekämen, eine Schule zu besuchen. Sie könnten ihre Möglichkeiten und Chancen nutzen – die Chance, ein ganz normales und aufrechtes Leben in Würde zu führen und inklusiver Teil der Gesellschaft zu sein.

Auch wenn Ikram und andere Kinder mit Behinderung ihren Erfolg zu einem großen Teil einer liebevollen und unterstützenden Umgebung zu verdanken haben, wäre dies nicht möglich gewesen, ohne die Synergien der verschiedenen Akteurinnen und Akteure. Alle Beteiligten aus den Bereichen Bildung, Gesundheit, Soziales; lokale Vereine; aber auch die Zivilgesellschaft und die Medien. Von der nationalen Ebene bis hin zur Gemeinde und den engsten Kontakten.

Ikram gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester auf dem Heimweg. Der Weg besteht aus Geröll, nur ein kleiner Streifen ist für sie im Rollstuhl befahrbar.

Gemeinsam stark - Ikram gemeinsam mit Mutter und Schwester auf dem Weg nach Hause © Amminadab Jean

Unsere gemeinsame Absicht ist es heute, die Mentalitäten, Sichtweisen, Praktiken und politischen Rahmenbedingungen zu verändern. Die entscheidenden Kräfte, darunter auch die Eltern, müssen einbezogen werden. Und die schönsten Geschichten müssen in die Welt getragen werden, um die persönlichen und beruflichen Fortschritte genauso wie nationale Strategien zu ermutigen, zu fördern und weiter zu entwickeln.

 

 

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Dieser Text basiert auf einer Broschüre des  nationalen Bildungsministeriums, der Regionalen Akademie für Bildung und Beruf der Region Souss Massa Drâa, UNICEF Marokko und Handicap International Maghreb.

Veröffentlicht am 05.07.16

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