Laos: Lam Ngeung - Minenräumerin, ein Mädchentraum

  • Minen, Streubomben und andere Waffen
  • Laos

Lam Ngeung ist seit sieben Jahren Minenräumerin bei Handicap International. Sie weiß, wie gefährlich ihre Arbeit ist. Trotzdem möchte sie daran mitwirken, dass die Menschen in ihrem Land zukünftig keine Angst mehr vor Streubomben und Landminen haben müssen.

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Lam Ngeung kniet und hält eine Spule in den Händen
Lam Ngeung kniet und hält eine Spule in den Händen
Lam Ngeung schließt einen Zünder an, der die Streumunition aus der Entfernung zur Explosion bringen soll. Sepon, Laos, Januar 2013

Natürlich weiß Lam Ngeung, dass Minenräumerin nicht der klassische Beruf einer Frau in Laos ist. Doch für sie ist es mehr als ein Beruf, sie sieht es als ihre Berufung. Lam arbeitet seit sieben Jahren bei Handicap International im von von explosiven Kriegsresten verseuchten Gebiet von Sepong im Süden des Landes, um diese todbringenden Gegenstände einen nach dem anderen zu zerstören.Die Arbeit ist langwierig und anstrengend. Aber Lam weiß, wie wichtig es ist, dass jemand diese Job erledigt - denn wäre das schon früher passiert, wäre ihrem Vater vielleicht nichts passiert...

„Seit meiner Kindheit hatte ich den Wunsch, Minenräumerin zu werden. Als ich klein war, wurde mein Vater Opfer eines Unfalls mit einem explosiven Kriegsrest. Bei der Feldarbeit in der Nähe unseres Hauses berührte er eine Streumunition mit seinem Spaten. Er wurde nur leicht verletzt, aber Bombenfragmente trafen ihn am Kopf und er wurde durch diesen Unfall traumatisiert, ebenso wie wir. Er hatte großes Glück. Ich hoffe verhindern zu können, dass weitere Unfälle dieser Art passieren.“

Zu sehen ist Lam auf der Busfahrt zu einem Einsatz. Sie trägt die offizielle Kleidung des entminungsteams von Handicap International, bestehend aus beiger Uniform und Hut. Sie lächelt verwegen.

Ein Traum geht in Erfüllung - Lam auf dem Weg zu ihrem nächsten Einsatz © Nicolas Axelrod

Die verheiratete Mutter eines kleinen Jungen von 14 Monaten widmet sie sich tagtäglich mit viel Elan ihrer gefährlichen Arbeit. Lams Familie ist stolz auf sie, auch wenn sie sich nur für einige Tage am Ende jeden Monats sehen können. „Sie sind begeistert von meinem Engagement für Handicap International. Sie wissen, dass ich hart arbeite. Mit meiner Arbeit helfen ich den Menschen in den verseuchten Dörfern - wie meins einst war. Und gleichzeitig kann ich mich um meine Familie kümmern, indem ich mit meinem Gehalt zu ihrem Lebensunterhalt beitrage.“

Wenn man sie fragt, wieso sie Minenräumerin wurde, antwortet Lam Ngeung ganz selbstverständlich, dass sie gern der Bevölkerung von Laos zu Hilfe kommen wollte, indem sie den Bauern einen völlig sicheren Zugang zu ihren Feldern ermöglicht und dazu alle nicht explodierten Munitionen entfernt. Hinzu kommt der Unfall, von dem ihr Vater betroffen war, als sie noch ein Kind war. Als er nämlich eines Tages den Boden auf ihren Feldern umgrub, traf sein Spaten eine nicht explodierte Munition, die daraufhin explodierte. Heute kann sieht man nur noch die Narbe, die der Unfall auf seinem Gesicht hinterlassen hat. Unsichtbar ist hingegen die Narbe in seiner Seele - das Trauma wiegt bis heute schwer. Lam Ngeung war damals noch ein kleines Mädchen, doch auch ihr war klar, dass ihr Vater großes Glück gehabt hatte. Und so entstand schon früh in ihr der Traum, bei der Räumung ihres Landes von explosiven Kriegsresten mitwirken zu können. 2006 bot sich ihr die Möglichkeit, diesen Traum zu verwirklichen: „Ich hatte eine Nachricht im Dorfradio gehört, dass Handicap International Minenräum-Personal rekrutierte. Da ich großes Interesse für diesen Beruf hatte, sandte ich meinen Lebenslauf ein und wurde Minenräumerin."

Lam Ngeung hat nach dem Gymnasium ihre Studien im Fach Landwirtschaft fortgesetzt, um für ihre Familie zu arbeiten. Doch die Radiomeldung warf ihre Pläne um, und so bot ihr Handicap International nach einer zweimonatigen Ausbildung ihre erste berufliche Tätigkeit an. Sie war eine der Pionierinnen auf diesem Gebiet in Laos.

Ständige Wachsamkeit

„Meine Rolle ist es, die explosiven Kriegsreste aufzuspüren und sie zu zerstören. Ich kann mit meinem Metalldetektor eine Fläche von etwa 100 m² pro Tag überprüfen. Der Detektor sendet einen Ton aus, den ich aufmerksam anhöre, um zu erfahren, ob sich im Boden ein Metallstück befindet. Dann grenze ich die Gefahrenzone mit Hilfe von Pflöcken ein, ich knie mich hin und grabe vorsichtig in der eingegrenzten Zone herum, um zu überprüfen, ob es sich um nicht explodierte Munition handelt oder nicht.
Mein Team besteht aus 10 weiteren Personen, darunter Minenräumer und eine Gruppe Sanitäter, die im Fall eines Unfalls bereit ist einzugreifen. Ich war sehr beeindruckt und aufgeregt, als ich zum ersten Mal einen explosiven Kriegsrest entdeckt hatte. Es war Submunition vom Typ BLU26. Ich hatte keine Angst dank der Ausbildung, die Handicap International mir vermittelt hatte. Ich habe meinen Fund unverzüglich meinem Teamleiter gemeldet, der die gefährdete Zone markiert hatte. Er ist es, der anschließend die Zerstörung des Blindgängers durchführt. Ich helfe ihm, indem ich den Zünder anbringe, der die Explosion auslösen soll.“

Zu sehen ist Lam in beieger Uniform von Handicap International. Sie trägt einen Minendetektor und befindet sich im Einsatzgebiet.

Volle Konzentration - Bei der Arbeit mit Minendetektoren kann jeder Fehler tödlich enden © Nicolas Axelrod

Lam Ngeung weiß, dass der Beruf gefährlich ist:

„Nicht explodierte Munition zu finden ist wirklich ein Beruf voller Risiken. Wenn wir graben, um diese nicht explodierten Munitionen zu finden, und unaufmerksam graben, kann uns die nicht explodierte Munition ins Gesicht fliegen. Diese Geräte wurden dazu geschaffen, Menschen zu töten, und sie bleiben immer empfindlich. Sie können uns also lebenslang verstümmeln. Handicap International hat mich deshalb auch in Erster Hilfe ausgebildet. Ich kann meinen Kolleginnen und Kollegen bei Unfällen zu Hilfe kommen. Jeden Monat werden Unfallsimulationen organisiert, um die Handgriffe zu wiederholen, die Leben retten können.“

An jenem Tag begleitete Lam Ngeung eine mobile Minenräumgruppe in Po Say, einem kleinen Dorf in der Provinz Savannaketh im Süden des Landes, um etwa 30 Submunitionen vom Typ BLU26 zu zerstören: amerikanische Streubomben, die während des Vietnamkriegs eingesetzt wurden.  
„Wir tasten die Blindgänger auf explosive Ladungen ab, dann riegeln wir jeden Zugang zu dem Gebiet auf 300 m ab. Selbstverständlich müssen wir uns vergewissern, dass alle Bewohner aus ihren Häusern evakuiert wurden und die Gefahrenzone verlassen haben.  Anschließend bringe ich zwischen dem Sprengstoff und dem Zünder ein Kabel an, um die Explosion auszulösen."

Für eine sichere Zukunft

Das Vorhandensein von Blindgängern hemmt die Entwicklung ganzer Regionen. Sie verhindern den Zugang zu Feldern, zur Schule, zum Fluss oder zum Wald. Lam Ngeung wünscht sich, dass ihr Land eines Tages frei von allen explosiven Kriegsresten ist. Sie wünscht sich, dass die Bevölkerung ohne jedes Risiko ihr normales Leben wiederaufnehmen kann. „Mit dieser Aufgabe fühle ich mich nützlich, ich möchte meinem Land dazu verhelfen können, dass es sich aller dieser tödlichen Kriegsreste entledigt, um allen Kindern eine gefahrlose Zukunft zu gewährleisten. Ich hoffe, diesen Beruf bis zu meinem Tod auszuüben.“  In der Zukunft, sagt sie noch, möchte sie gern viele Kinder haben, „mindestens noch zwei oder drei“, erzählt sie lachend. „Auch für sie tue ich das, was ich heute mache, damit ihre Zukunft ruhiger wird.“

Jährlich 300 neue Opfer im Laufe des letzten Jahrzehnts

Laos ist das am meisten von Streubomben verseuchte Land der Erde. Während des Vietnamkriegs zwischen 1964 und 1973 haben die Vereinigten Staaten dort mehr als 270 Millionen „Bombies“ (Submunitionen) abgeworfen, obwohl das Land nicht an dem Konflikt beteiligt war. Man schätzt dass fast 80 Millionen „Bombies“ nicht beim Aufprall explodiert sind, sie liegen vor allem in den Reisfeldern, den Wasserläufen oder auf den Straßen und gefährden tagtäglich das Leben der Zivilbevölkerung in 15 der 17 Provinzen des Landes. Obwohl der Vietnamkrieg seit fast 40 Jahren beendet ist, hat der Konflikt eine schwere Bürde hinterlassen, die heute weiterhin auf unschuldigen Opfern lastet. Das ist die alltägliche Realität, die Tausende von Gemeinwesen teilen, die zumeist in entlegenen Regionen von Laos leben. Seit 1964 wurden mehr als 50.000 Personen durch einen Unfall getötet oder verletzt, der durch einen explosiven Kriegsrest verursacht wurde. Fast die Hälfte dieser Unfälle hat sich in Friedenszeiten ereignet. Im Lauf des letzten Jahrzehnts waren jedes Jahr noch rund 300 neue Opfer zu beklagen. Diese Situation ist umso weniger akzeptabel, als die Kinder die Hauptgruppe der Opfer darstellen (1911 waren 58 % der Opfer Kinder.)

Zu sehen ist Lam in Unfiorm und eine Kollegin mit Blick in die Ferne.

Den Blick entschlossen in die Zukunft gerichtet - Lam wird auch weiterhin ihren wertvollen Beitrag zu einer Welt ohne Minen leisten © Nicolas Axelrod

Die Maßnahmen von Handicap International gegen die explosiven Kriegsreste

Handicap International setzt sich in Laos seit 1983 für die Opfer von Minen und explosiven Kriegsresten ein. Wir führen heute in drei der am stärksten betroffenen Distrikte der Provinz Savannakhet  (Sepon, Nong und Villabully) regelmäßig Aktionen zur Entminung und zur Risikoerziehung durch. Seit 2006 haben Minenräumteams von Handicap International mehr als 2.000.000 m² Land gesäubert und fast 12.000 explosive Kriegsreste zerstört. Ein mobiles Räumungsteam rückt Anforderung der Gemeinden aus, um gemeldete explosive Kriegsreste zu beseitigen. Dieses 39-köpfige Team besteht aus AufklärerInnen, MinenräumerInnen und ÄrztInnen zusammen und arbeitete seit 2006 in 135 Dörfern. Um riskante Verhaltensweisen zu bekämpfen und die Unfallzahlen zu verringern, sensibilisiert Handicap International die Bevölkerung durch Vorbeugungsseminare in den Dörfern. Wir vermitteln einfache und klare Botschaften, damit die Bevölkerung  gegenüber unbekannten Gegenständen automatisch richtig reagieren - selbst wenn diese sich am Ende als nicht explodierte Kriegsreste herausstellen. Wenn vom Dorfvorstand ein verdächtiger Gegenstand gemeldet wird, werden die Teams von Handicap International tätig, um diesen unschädlich zu machen. Der Chefminenräumer von Handicap International in Laos, Kengkeo Boualephavong, geht davon aus, dass es noch mindestens 50 Jahre dauert, bis das Laos von Kriegsresten befreit sein wird...

Lesen Sie hier, wie sich starke Frauen auf gefährlichen Minenfeldern behaupten

Veröffentlicht am 22.01.15

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