Co-Preisträgerin Friedensnobelpreis

Ukraine: „Über den Krieg reden und ihn erleben, sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe.“

Minen und andere Waffen Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie
Ukraine

Unablässiges Tönen von Sirenen – bis zu sechs Mal am Tag, Minen am Straßenrand, vereinsamte Menschen in einer zerstörten Stadt nahe der Front: Dr. Eva Maria Fischer, Leiterin der politischen Arbeit von Handicap International (HI), erfuhr im März 2026 am eigenen Leib, was es heißt, in einem Land zu leben, das seit Jahren vom Krieg gezeichnet ist. In Kiew, Charkiw und Isjum sah sie, wie die HI-Teams trotz aller Angst und Unsicherheit jeden Tag Unmögliches möglich machen.

Eva Maria Fischer mit ukrainischen Kolleginnen aus dem Reha-Team

Eva Maria Fischer mit ukrainischen Kolleginnen aus dem Reha-Team | © Liubov Hutsul/HI

Eine Reise, die unter die Haut geht

„Ich bin im Rahmen meiner Arbeit schon viel gereist“, erzählt Fischer, „aber noch nie hat es so lange gedauert, bis ich mein Ziel erreichte.“

Der Luftraum über der Ukraine ist gesperrt, die Anreise nur mit Zügen möglich. Nicht selten müssen Züge anhalten und evakuiert werden, um einen akuten Bombenalarm abzuwarten

Gefahrenaufklärung im Bunker

Die Gefahr durch Blindgänger und nicht explodierte Kriegsreste ist allgegenwärtig. Die Teams von HI befragen die Menschen vor Ort: Haben sie verdächtige Gegenstände gesehen? Ist in der Nähe eine Bombe explodiert? Bauern melden Funde und besonders Kinder und Jugendliche brauchen dringend Aufklärung. Schulen wurden in Bunker verlegt, zwischen dicke Mauern. Nur so ist Schule überhaupt möglich angesichts der ständigen Bombenalarme. Hier lernen die Jugendlichen, wie sie Minen erkennen und was im Ernstfall zu tun ist.

„Es war faszinierend zu sehen, wie die sonst so coolen Jugendlichen bei der Schulung aufmerksam lauschten. Sie wissen genau, dass es hier um ihr Leben geht.“

Wichtige Reha in der Ukraine – auch gegen Einsamkeit

Nicht alle können oder wollen fliehen. Gerade in ländlichen Gebieten oder nahe der Front leben viele ältere und verletzte Menschen, für die der Krieg nicht nur eine physische, sondern auch eine seelische Belastung darstellt. Handicap International ist die einzige Organisation, die Hausbesuche für Reha-Sitzungen anbietet. Wie bei Lidiya, die am Stadtrand von Charkiw in einem Wohncontainer lebt; direkt neben den Trümmern ihres einstigen Zuhauses. Bei einem Drohnenangriff wurde sie schwer verletzt. Doch die regelmäßigen Besuche der Physiotherapeutin Ana geben ihr nicht nur Hoffnung auf körperliche Besserung, sondern auch auf menschliche Wärme.

„Sie ist mein Sonnenschein“, sagt Lidiya.

Isjum: Reha nahe der Front

Nur 20 Kilometer von der Front entfernt, war Isjum einst von russischen Truppen besetzt.

„Das war der erschreckendste und persönlich bedrückendste Ort für mich“, gesteht Fischer.

Überall Minen-Warnschilder, müde Soldaten, die sich von ihren Einsätzen erholen. Hier traf sie ein Paar, das vergeblich versucht hatte, dem Krieg zu entkommen. Ihr Haus außerhalb der Stadt wurde zerstört, der Mann erlitt einen Schlaganfall. Jetzt versuchen sie, mit der Unterstützung von HI in Isjum ein neues Leben aufzubauen. In einer Stadt, in der es keine Sirenen gibt, keine Bunker, aber die ständige Gefahr im Nacken. Die Besuche der Physiotherapeutin Katja sind für sie nicht nur medizinisch, sondern auch seelisch wichtig.

An Krieg gewöhnt man sich nicht

In Kiew versuchen die Menschen trotz des Bombenalarms, so normal wie möglich zu leben. Sie gehen einkaufen, essen Mittag, arbeiten. Zerstörte Gebäude werden zu Kunstwerken umgestaltet, als wolle das Leben selbst der Zerstörung trotzen. Wenn ein Alarm vorbei ist, geht das Treiben auf den Straßen weiter, als wäre nichts gewesen. Ein stummer Protest: „Jetzt erst recht!“

Doch der Krieg ist kein Normalzustand. Die kleine Tochter unserer Mitarbeiterin war erst zwei Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Sie kennt bewusst nichts anderes. Dennoch erschrickt sie bei jedem Bombenalarm und bekommt große Angst.

„An den Krieg kann man sich nicht gänzlich gewöhnen“, unterstreicht Eva Maria Fischer.

Hier können Sie für die Menschen in der Ukraine spenden.

4 Mai 2026
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