Skischule für Menschen mit Behinderung

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Landminenüberlebender und Paralympics-Sportler Nijaz Memic baut mit unserer Hilfe in Bosnien-Herzegowina eine Skischule für Menschen mit Behinderung auf.

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Rollstuhlskifahrer in dicker Winterkleidung. Er trägt eine Stratnummer.
Rollstuhlskifahrer in dicker Winterkleidung. Er trägt eine Stratnummer.
Menschen mit Behinderung erhalten neue Lebenschancen und Perspektiven durch die weltweit erste Skischule für Menschen mit Behinderung in Sarajevo/Bosnien.

Die erste Skischule für Menschen mit Behinderung

Der bosnische Soldat Nijaz verliert im Krieg seinen Unterschenkel. Doch er lässt sich nicht entmutigen und beginnt wieder mit dem Skifahren. 2010 vertritt er Bosnien-Herzegowina als erster Sportler bei den Winter-Paralympics. Heute hat er mit der Unterstützung von Handicap International seinen größten Traum verwirklicht: Im Januar 2016 hat er eine Skischule für Menschen mit Behinderung eröffnet.

Sarajevo – vom Wintersportparadies zur Bedrohung

Vancouver 2010: Nijaz großer Moment ist gekommen. Hochkonzentriert steht er in voller Skiausrüstung auf dem Berg, die Hände umklammern seine Stöcke. Er wartet auf den Startschuss. Er spürt die Anspannung in seinem ganzen Körper. Die Augen der Welt sind auf ihn gerichtet. Endlich! Sein Traum der Olympischen Spiele geht an diesem Tag in Erfüllung – über schmerzhafte Umwege. Diese Umwege hätte sich Nijaz als Junge nie vorstellen können, als er im beschaulichen Sarajewo aufwuchs...
Nijaz liebte die grünen Hänge und verschneiten Berge rund um Sarajevo schon als Kind. Die Hauptstadt Bosniens schrieb früher olympische Geschichte. Umsäumt von eingeschneiten Bergen und idyllischen Wäldern war sie der Welt vor allem für die mitreißenden Olympischen Winterspiele von 1985 bekannt. Dann kam 1992 der alles zerstörende Krieg. Innerhalb weniger Jahre lag alles in Schutt und Asche. Der Krieg hinterließ eine bis heute zerrüttete Stadt. Und noch schlimmer – ein schwer vermintes Land.

Eine kleine Mine verändert Nijaz Leben für immer

Nijaz Memic verlor in diesem Krieg sein linkes Bein. Wie die meisten seiner Freunde wurde der junge Nijaz als Soldat eingezogen. Doch die bosnisch-muslimischen Kämpfer waren schlecht ausgerüstet. Seine Aufgabe war es, die Minen zu räumen, die von der serbischen Armee verlegt worden waren, und sie möglichst ins Waffenlager zu bringen. An jenem Septembermorgen 1993 hatte Nijaz vier Minen gefunden und erfolgreich entschärft zur Seite gelegt. Doch die fünfte übersah er.

Die Landmine riss Nijaz gewaltsam seinen Unterschenkel ab. Erst 1995, nach Ende des Krieges, erhielt er seine erste Prothese aus bosnischer Produktion. Sobald er wieder aufrecht gehen konnte, beendete er das Gymnasium und begann ein Informatikstudium – als einziges Minenopfer an der Universität von Sarajevo.

Selbstloser Einsatz in der Aufklärung über die Minengefahr

Seine traumatische Erfahrung aus dem Krieg setzte Nijaz seither für andere gefährdete Menschen ein: Er klärte an Schulen und anderen Einrichtungen über die Minengefahr auf und arbeitete Seite an Seite mit Handicap International an einer landesweiten Studie über die Minengefahr. Immer wieder erzählte er seine Geschichte in den Medien, um andere zu warnen. Denn die Minensituation in Bosnien und Herzegowina ist auch nach dem Ende des Krieges – und bis heute – höchst bedrohlich:

  • Es gilt als das am meisten verminte Land in Europa.
  • Die verseuchte Fläche beträgt noch über 1.100 Quadratkilometer des Landes.
  • Fast eine Million Menschen sind direkt von geschätzten 120.000 Landminen und anderen explosiven Überresten des Krieges betroffen – das macht rund ein Viertel der Bevölkerung aus.
  • Das traurige Resultat ist, dass bereits etwa 8.000 Menschen während und nach dem Krieg zu Opfern von Landminen und Blindgängern wurden.
  • Die Gefahr bleibt: Nach starken Regenfällen sind in den letzten Jahren viele Minen gewandert und können nun wieder an neuen, unbekannten Stellen auftauchen.
  • Insgesamt zählt Bosnien zu einem der am stärksten verminten Länder der Welt.

Mit der Aufklärung der Menschen verfolgt Nijaz aber auch ein anderes Ziel: Er will anderen Überlebenden Mut machen. Diesen Mut, den auch er selbst wiedergefunden hat und der ihn antreibt. „Nijaz ist unglaublich!“ sagt seine Frau. „Er ist so anders als alle anderen, immer in Bewegung.“ Sie war sofort beeindruckt von ihm, als sie ihn 1997 in einem Interview als Fernsehjournalistin kennenlernte und befragte – sieben Jahre später heiraten die beiden.

Ein Traum ging in Erfüllung: als Skifahrer zur den ParalympicsNijaz Nemic - Paralympics Teilnehmner der eine Skischule für Menschen mit Behinderung gegründet, schaut in Winterkleidung in Richtung Kamera

Dann ging ein großer Traum in Erfüllung: Nijaz durfte als Skisportler bei den Paralympics antreten. Er war schon immer sehr sportlich– vor seinem Unfall spielte er Tennis, Fußball und fuhr am liebsten Ski. Schon mit seiner ersten einfachen Prothese begann Nijaz wieder mit dem Skifahren. Als 2004 das paralympische Komitee auf ihn aufmerksam wurde, half ihm Handicap International, eine Sportprothese und seine Reise zu den Paralympics zu finanzieren. So flog Nijaz als erster Sportler aus Bosnien-Herzegowina zu den Paralympics 2010 nach Vancouver, Kanada.
Stolz zeigt er uns das Foto, auf dem er die bosnische Fahne trägt, und die Zeitung, in der sein Name an diesem Tag die Schlagzeile bildete – ein „historischer Moment“. „Ich habe meinen Traum verwirklicht“, sagt Nijaz. „Und nun will ich anderen helfen und ihnen zeigen, dass es immer Hoffnung gibt.“ So setzte er sich ein neues Ziel: eine eigene Skischule speziell für Menschen mit Behinderung zu eröffnen.

Wintersport für Menschen mit Behinderung – eine heilende Wirkung

Nijaz gründet „Parasportiva“ - das ist der erste Verein in Bosnien, der Wintersport auch für körperlich behinderte Menschen anbieten will. Sport ist für viele eine Quelle von Energie, Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Gerade für Menschen mit Behinderung nach einer Verletzung kann er helfen, den eigenen Körper wieder in einem positiven Licht zu sehen. In den vergangenen zwanzig Jahren existierte in Bosnien nur eine professionell organisierte Sportart für Menschen mit Behinderung: Sitzvolleyball.
Nijaz wäre nicht Nijaz, wenn er nicht höchst professionell an die Sache ran gehen würde: Ein Verwaltungsstudium an der Wirtschaftsfakultät in Sarajevo soll ihm dabei helfen, die Skischule zum Erfolg zu führen.
Nijaz ist ein Vorbild und eine Inspiration für andere, die ihre (vermeintlichen) körperlichen Grenzen überwinden möchten. Durch die Arbeit der Skischule können Menschen mit Behinderung eine neue Perspektive erfahren. Sie können sich zu Skilehrern- und lehrerinnen ausbilden, an internationalen Wettkämpfen teilnehmen und so auch ihren Platz in der Gesellschaft wiederfinden. Nijaz wünscht sich, dass ganz besonders Minenopfer wie er dadurch frischen Mut finden und mehr eigene Willenskraft aufbauen.

 

Er will Minenopfer, Sportverbände und Sportexperten und -expertinnen der Universität von Sarajevo zusammenbringen, sodass sie gemeinsam den Wintersport für Menschen mit Behinderung in Bosnien fördern.

Herzliche Unterstützung durch Handicap International und die Schneesport Stiftung

Wir wollen diesem nachhaltigen Projekt, das Menschen mit Behinderung besonders stärkt, unsere Unterstützung schenken. So organisierten wir 2015 gemeinsam mit der Münchner Schneesport Stiftung ein Benefizgolfturnier.
Beim letztjährigen „mic Golf Cup powered by Maserati“ mit der Unterstützung der GoingPublic Media kamen insgesamt 15.000 Euro zusammen Das ist genau die Summe, die Nijaz für den Start seiner Skischule benötigt.

„Ein Traum geht endlich in Erfüllung. Wir wollen zeigen, dass Sport die Menschen zusammenbringt, sie integriert, eine heilende Wirkung hat.“

Nijaz will anderen die Lebensfreude und das Selbstvertrauen vermitteln, die er selbst als gutes Vorbild voranträgt. Mit seiner kleinen Tochter Imam auf dem Arm wirkt er sehr glücklich. Denn er weiß, was er schon alles erreicht hat, trotz seiner Behinderung. Und dass er anderen helfen kann, dasselbe Glück zu fühlen.

Schneesport Stiftung

Die Schneesport Stiftung unterstützt insbesondere sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie Schneesportlehrer in Schulen und Übungsleiter in Vereinen. Sie versteht sich als Gemeinschaft von Schneesportlern, die es aus ihrer eigenen Erfahrung heraus auch anderen ermöglichen möchten, die Faszination des Schneesports kennen zu lernen.
Weitere Informationen unter: www.schneesport-stiftung.de

Fotos und Videos: © Nijaz Nemic

Bitte unterstützen Sie uns, damit wir uns auch weiterhin langfristig an der Seite der Menschen aus unseren Projekten engagiere können.

Veröffentlicht am 16.03.16

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