Co-Preisträgerin Friedensnobelpreis

Nyaduoths neues Leben

Rehabilitation und Orthopädie
Äthiopien

Über ihr altes Leben möchte Nyaduoth Gony gar nicht mehr nachdenken. Das junge Mädchen konnte sich nicht alleine bewegen, sie durfte nicht in die Schule, und ihre eigene Mutter glaubte, ihre Behinderung sei ein Fluch Gottes.

Nyaduoth sitzt in ihrem Dreirad vor ihrem zuhause.

Mit ihrem Dreirad ist Nyaduoth alleine viel mobiler. | © Till Mayer / HI

Nyaduoth kommt aus Ochom, einer Stadt im Südsudan, und lebt seit einigen Jahren im Flüchtlingslager Nguenyyiel in der Region Gambella in Äthiopien. Ihr Leben änderte sich, als sie erst einen Rollstuhl von Handicap International (HI) bekam und dann eine Art Dreirad, mit dem sie sich endlich ganz allein bewegen konnte. Anschließend überzeugte das Team von HI ihre Mutter, dass auch Kinder mit Beeinträchtigungen in die Schule gehen sollen. Dank psychosozialer Hilfe traut sich Nyaduoth inzwischen viel mehr zu, hat Freundinnen, hilft in der Kirchengemeinde mit, sensibilisiert im Lager für Themen wie Inklusion oder Hygieneregeln und ist eine fleißige Schülerin – zum Stolz ihrer Mutter. 

Behinderung ist nicht gleich Unfähigkeit

„Mein Leben war schlimm, ehe ich das Team von HI kennen lernte“, sagt die 16-Jährige Nyaduoth. Sie konnte nur über den Boden krabbeln, egal ob es staubtrocken oder matschig war. Besonders der Gang zur Toilette war schwierig. Ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war. Ihre Mutter hatte keine Zeit, sich um sie zu kümmern und empfand ihr Kind als Klotz am Bein. Auch die Schule nahm das Mädchen nicht auf. Nyaduoth hatte keine Möglichkeit, sich mit anderen Kindern auszutauschen, zu lernen oder sich mit Freundinnen zu treffen. Ein Rollstuhl von HI war der erste Schritt in die Selbstständigkeit. Dann folgten Schulungen ihrer Familie und ihres Umfeldes, um klar zu machen, dass auch Nyaduoth das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat, dass Kinder mit Behinderung nicht diskriminiert werden dürfen, sondern gleichberechtigt sind. 

„Dank HI habe ich mein Selbstvertrauen entwickelt“

Nyaduoth bekam psychosoziale Unterstützung, eine barrierefreie Toilette und bald ein Tricycle, eine Art Dreirad, mit dem sie ganz alleine mobil sein kann.„Dank des Dreirads und der Unterstützung von HI habe ich mein Selbstvertrauen entwickelt“, betont Nyaduoth stolz. Heute ist sie ein Vorbild für viele Mädchen. Nyaduoth hilft im Flüchtlingslager dabei, den Menschen wichtige Hygieneregeln beizubringen und sensibilisiert sie für das Thema Inklusion. Das fröhliche Mädchen tritt auf Veranstaltungen auf und zeigt, dass Bildung mit einer Behinderung möglich ist. Und ihre Mutter setzt Behinderung nicht mehr mit Unfähigkeit gleich:

„Ich freue mich so, wenn ich sehe, wie sich meine Tochter unabhängig von einem Ort zum anderen bewegt“, sagt ihre Mutter.

Sie hat noch sechs weitere Kinder und gelernt, dass Nyaduoth nun so viel unabhängiger ist. Ihre Tochter wächst heute wie alle anderen Mädchen im Camp auf. Seit Kurzem hat sie einen Freund. Das junge Paar hat sich bereits versprochen, füreinander sorgen zu wollen.

5 November 2021
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