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Hilfe im Libanon: „Mitten im Bombenhagel – aber wir machen weiter!“

Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie
Libanon

Nahed Al-Khlouf leitet unser Team im Libanon. Sie koordiniert die Nothilfe für Menschen mit Behinderung, Schwangere und ältere Menschen, die durch die Bombenangriffe vertrieben wurden.

Eine Helferin macht Übungen mit einem Mann, der auf einem Bett liegt. Im Bild steht der Text: Interview mit HI-Leiterin Libanon, Nahed Al-Khlouf. Daneben ein Foto der genannten Frau.

Die Teams von Handicap International unterstützen im Libanon unter anderem mit Reha-Sitzungen für verletzte Menschen und Menschen mit Behinderung. | © R. Dakdouk / HI

An wie vielen Standorten ist Handicap International derzeit im Libanon im Einsatz?

HI-Teams arbeiten derzeit in drei Sammelunterkünften in Beirut. Viele der Vertriebenen sind in die Hauptstadt geflohen. Allein in einer dieser Unterkünfte sind rund 1.000 Menschen untergebracht. Wir koordinieren uns mit den Behörden, um Zugang zu weiteren Unterkünften zu erhalten, insbesondere zu solchen, in denen Menschen mit Behinderung, ältere Menschen und schwangere Frauen untergebracht sind. So können wir unsere Hilfsmaßnahmen ausweiten.

Seid ihr auch an anderen Orten im Einsatz?

Ja, wir unterstützen auch Menschen, die draußen in Zelten leben. Zwar wurden Hilfsgüter und Essen verteilt, doch der Bedarf ist nach wie vor groß. Die Menschen leben unter extrem schwierigen Bedingungen: Sie haben keine Privatsphäre, die Versorgung ist unzureichend und es regnet immer wieder.

Was habt ihr bisher verteilt und wie habt ihr bisher geholfen?

Unsere Teams haben Hilfsmittel wie Rollstühle und Krücken, Hygiene-Sets, Damenhygiene-Sets und Pflegeprodukte für Neugeborene verteilt. Außerdem haben wir Reha-Maßnahmen umgesetzt, schwangere Frauen an Fachstellen überwiesen und bei einigen Entbindungen geholfen. Darüber hinaus haben wir psychologische Beratungsgespräche angeboten. 
Bislang konnten wir unter extrem prekären Einsatzbedingungen mehr als 500 Menschen helfen.

Klärt ihr auch über die Gefahren durch Bombenreste und Blindgänger auf?

Auf jeden Fall. In unseren sozialen Medien haben wir Aufklärungsbotschaften über die Gefahren durch Blindgänger und Bombenangriffe veröffentlicht. Diese haben bereits mehr als 3.500 Aufrufe verzeichnet. Ab sofort werden HI-Teams auch direkt in Notunterkünfte gehen, um Flyer und Plakate mit Informationen zu den Gefahren von Minen und Minenfeldern zu verteilen. Diese Informationen können buchstäblich Leben retten.

Wie sieht die Situation von Menschen mit Behinderung in Sammelunterkünften konkret aus?

Die Situation kann sehr schwierig sein. In einer Unterkunft, in der etwa 1.000 Menschen untergebracht sind, ist der Zugang zu bestimmten Bereichen beispielsweise nur über Treppen möglich. Die sanitären Einrichtungen sind nicht barrierefrei und in anderen Unterkünften sind einige Bereiche nachts schlecht beleuchtet.
Viele Menschen mussten ihre Häuser in aller Eile verlassen und konnten wichtige Hilfsmittel wie Brillen, Rollstühle oder andere Dinge, auf die sie im Alltag angewiesen sind, nicht mitnehmen. Sie befinden sich nun in einer Umgebung, die ihren Bedürfnissen nicht gerecht wird und die sogar gefährlich werden kann.

Es wurde außerdem eine Hotline eingerichtet. Wie funktioniert diese?

Wir haben eine Vermittlungshotline eingerichtet, um Meldungen von anderen humanitären Organisationen oder direkte Anrufe entgegenzunehmen. Ein eigens dafür zuständiger Ansprechpartner kümmert sich um diese Anrufe. Beispielsweise fragten die Anrufer nach lebensnotwendigen Gütern für die Flucht (kleine Kochherde, Decken usw.), medizinischer Versorgung oder Nahrungsmittelhilfe. Unsere Priorität gilt Menschen mit Behinderung, älteren Menschen und schwangeren Frauen, die in dieser Krise zu den am stärksten gefährdeten Gruppen gehören.

Wie kommt das Team im Libanon in dieser Situation zurecht?

Das HI-Team besteht aus 50 Personen. Viele von ihnen haben in Beirut, im Libanongebirge oder im Norden Zuflucht gesucht. Einige von ihnen wohnen bei Verwandten, andere haben sich eine Unterkunft gemietet und wieder andere befinden sich in Sammelunterkünften. Und dennoch bleibt das gesamte Team im Einsatz.

Wie erlebt ihr diese Situation persönlich?

Wir sind den Bombenangriffen, die die Wände des Büros zum Beben bringen, nicht weit entfernt. Am 24. März hörten wir mitten in der Nacht etwa sieben Explosionen in Beirut. Wir können nicht schlafen … Die Angst ist allgegenwärtig. Manchmal werden Angriffe angekündigt, manchmal nicht.
Einige Teammitglieder benötigen allmählich psychologische Unterstützung, weil kürzlich ein Gebäude auf der anderen Straßenseite getroffen wurde oder weil ihre Kinder in Panik geraten sind. Aber wir alle bleiben im Einsatz.

Welche täglichen operativen Einschränkungen gibt es?

Mit den uns derzeit zur Verfügung stehenden Mitteln können wir vielleicht etwa zehn Notunterkünfte in Beirut versorgen. Darüber hinaus wird es sehr kompliziert. Wir haben einen Nothilfeaufruf gestartet, doch die bisher verfügbaren Mittel sind nach wie vor sehr begrenzt. Das betrifft nicht nur HI, sondern auch andere Organisationen, die sich in derselben Lage befinden. Die Kapazitäten für humanitäre Hilfe sind vorhanden, aber unterfinanziert.

Welche unmittelbaren Prioritäten hat Handicap International?

Zunächst einmal benötigen wir Notfallsets, darunter Ausrüstung für Vertriebene, wie etwa Matratzen, Decken und Trennwände, um ein Mindestmaß an Privatsphäre zu gewährleisten. Außerdem sind Hygiene-Sets erforderlich.
Zudem wollen wir schnell psychosoziale und Freizeitaktivitäten für traumatisierte Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen, auf die Beine stellen. Ebenso unerlässlich ist es, weiterhin Ausrüstung für Reha-Maßnahmen und Mobilitätshilfen bereitzustellen. Schwangere Frauen müssen weiterhin unterstützt werden, damit sie Zugang zu den erforderlichen Dienstleistungen haben.
 

 

2 April 2026
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